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Tiger

© S. Fischer Verlag, Aufführungsrechte S. Fischer Verlag Theater & Medien
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Textausschnitt

MARA In der Zentrale der großen Bank in Frankfurt werden in einem der Türme in einem Raum im Keller oder einem Büroraum oben im zwanzigsten oder dreißigsten Stock zwei Tiger gefangen gehalten, in einem Käfig oder einem Bretterverschlag, in absoluter Dunkelheit oder nur beim Licht einer einzigen Neonröhre, mit Betäubungsmitteln ruhig gestellt, so dass kein Laut ihren Aufenthaltsort verrät, und bis jetzt niemand weiß, wo genau sie versteckt gehalten werden. Vor einem Monat, in der Nacht von einem Dienstag auf einen Mittwoch, wurde auf der Rückseite des Gebäudes bei der Einfahrt zur Tiefgarage, wo tagsüber die großen Limousinen für einen Augenblick vor der Schranke halten, von einem LKW eine hölzerne Kiste abgeladen. Männer in weißen Overalls schoben die Kiste auf Rollen hinunter in die Tiefgarage. Bewohner der Häuser gegenüber und Spaziergänger, die zufällig in der Nähe eine Zigarette rauchten, Betrunkene und Hundebesitzer, die ein letztes Mal mit ihrem Hund draußen waren, haben es gesehen. Seit damals hält auch jede zweite Nacht ein Kühltransporter vor der Einfahrt zur Tiefgarage, auch er ohne jede Aufschrift, die Nummerntafel mit schwarzer Folie abgeklebt, und Männer schleppen Boxen aus Metall zum Lift in der Garage. Sie bringen das Fleisch für die Tiger.

JOHN TOM JAMES Als wir in New York von dieser Geschichte erfuhren, an einem Tag mit wolkenlosem Himmel und achtundzwanzig Grad im Schatten der Hochhäuser an der West Street, und als wir in das Büro des Großen Vorsitzenden gerufen wurden, wo wir uns aufstellen mussten wie Schüler auf dem Schulhof, hieß es als erstes, warum haben wir das nicht, warum sind wir nicht auf diese Idee gekommen? Keiner von uns wusste im ersten Augenblick, was wir darauf antworten sollten, denn die Information war ganz frisch. Niemand von uns hatte noch die Gelegenheit gehabt, die Information zu verifizieren. Bevor einer eine Antwort formulieren konnte, verkündete der Große Vorsitzende schon, dass jemand die Verantwortung dafür übernehmen werde müssen, so eine Nachlässigkeit koste uns sehr viel Geld. Ich erinnere mich nicht mehr, was genau er sagte, ich sah währenddessen aus dem Fenster auf den träge und gleichgültig dahinfließenden Hudson, auf den großen grauen Strom und die Häuser drüben in Jersey City, in deren Fenster sich die Sonne spiegelte. Ich dachte an das Barbecue am Wochenende in unserem Haus in den Hamptons und welches Fleisch und welche Saucen dafür einzukaufen waren.

MARA Angeblich handelt es sich bei den Tigern um ausgewachsene Tiere mit einer Schulterhöhe von mehr als einem Meter und angeblich haben sie ein rotes Fell. Das soll nichts Außergewöhnliches sein. Man hat schon öfters Tiger mit einem roten Fell gesehen, eine bestimmte Form der Ernährung kann das Fell rot färben. Einige behaupten, die Tiger stammen aus Sibirien, aus den Wäldern am Ufer des Amur, andere sagen, von der Küste am Japanischen Meer, oder aus Nordkorea, oder aus den Mangroven der Sundarbans. Man weiß nicht, ob sie in Freiheit geboren wurden, unter einem Baum in der Nähe eines Flusses im Schutz dichten Gestrüpps, versteckt in den Sümpfen, in ihrem natürlichen Lebensraum, oder in Gefangenschaft in einem Zoo in Sydney oder Beirut oder auf der Yacht eines Milliardärs. Jetzt werden sie jedenfalls in Gefangenschaft gehalten, und Tiger, die so eingesperrt werden, sterben bald, nicht nur an einem gebrochenen Herzen. Natürlich streitet die Bank alles ab. Wer hat etwas anderes erwartet? Alles nur Gerüchte, Verleumdungen, Unwahrheiten, böses Blut, Versuche der Bank zu schaden, sie mit Dreck zu bewerfen und hineinzuziehen in Schwierigkeiten, behauptet die Bank. Wer dieser Bank schadet, der schadet dem Staat, wer sie gefährdet, der gefährdet den Wohlstand.

PAUL Als ich erfahren habe, dass in dieser Bank zwei Tiger vom anderen Ende der Welt in einem Käfig eingesperrt sind, als diese Nachricht sich wie ein Lauffeuer von Telefon zu Telefon verbreitet hat, wobei es anfangs gar nicht klar war, ob es nur ein Gerücht ist oder nicht, habe ich als erstes gedacht, die sind genial, die fragen niemanden, was sie dürfen und was nicht, erkundigen sich bei keinem, ob sie zwei Tiger halten dürfen oder ob das verboten ist. Das ist verrückt, das ist Wahnsinn, das ist phantastisch. So viel Macht ist genial. So viel Macht erzeugt Wirklichkeit. Diese Bank fragt niemanden, was sie darf, erkundigt sich bei keinem, ob das, was sie tut, ihm auch recht ist. Bittet niemanden um Erlaubnis. Sie ist von niemandem abhängig wie ein Kind von den Regeln seiner Eltern, sie braucht sich nach niemandem zu richten, es gibt keine Pfeife, nach der sie tanzen muss. Sie ist niemandem verpflichtet, an nichts und niemanden gekettet.

JOHN TOM JAMES Der Große Vorsitzende sagte, dass wir herausfinden müssten, was dahintersteckte, wir durften den anderen bei dieser Sache nicht das Feld überlassen, wir durften nicht die Zweiten sein, wir durften aber auch nicht überheblich sein, wie wir es in der Vergangenheit vielleicht ab und zu gewesen waren. Wir müssten herausfinden, was für ein Produkt diese beiden Tiger waren und wie viel man damit in der Woche verdienen konnte. Ich war mit meinen Gedanken bei dem Barbecue und ob ich noch einmal den Rasenmäher über die Wiese schicken sollte, als ich den Großen Vorsitzenden meinen Namen sagen hörte, und dass ich nach Frankfurt fliegen müsse, gleich mit dem nächsten Flug, um dort nach den Tigern zu suchen und herauszufinden, warum man sie in die Bank gebracht hatte und welchen Zweck sie genau erfüllten. Ich wollte widersprechen, ich wollte sagen, warum schicken wir nicht jemanden von unserer Niederlassung vor Ort oder jemanden von der Spionageabwehr? Aber als ich den Großen Vorsitzenden ansah, wusste ich, dass es besser war, ihm nicht zu widersprechen und die bereits gefällte Entscheidung zu akzeptieren. Ich wusste, dass ich ausgewählt worden war, weil ich deutsch beherrsche, weil der Großvater meines Großvaters aus Deutschland kam und weil er vor langer Zeit in New York eine Bank gegründet hat.

MARA WikiLeaks hat Dokumente veröffentlicht, die keinen Zweifel daran lassen, dass es diese Tiger gibt. Ein Whistleblower hat WikiLeaks die Dokumente zugespielt. Als ich über diese Tiger gelesen habe, habe ich sofort beschlossen, sie zu befreien. Ich habe schon Schweine und Truthähne aus Todesfabriken befreit, und Nerze aus Pelztierfarmen, und Affen aus den Labors der Pharmakonzerne. Ich weiß, wie man Tiere befreit. Wenn niemand anderes es tut, muss ich diese Tiger befreien. Ich darf mich nicht davon einschüchtern lassen, dass es eine Bank ist, das ist auch nur ein großer Hühnerstall und eine Todesfabrik. Ich habe meine Freunde gebeten, mir zu helfen, aber alle haben Angst. Keiner traut sich, etwas gegen diese Bank zu unternehmen. Alle fürchten sich davor, das könnte etwas bewirken. Dabei geht es doch genau darum. Wir brauchen einen Kollaps, wir brauchen eine Katastrophe. Diese Bank könnte der erste Dominostein sein. Wenn niemand den ersten Stein umstoßen will, muss ich es tun. Ich bin im Wohlstand und sozialen Frieden aufgewachsen, ich habe nie etwas anderes kennengelernt. Ich weiß, dass ich dieser Bank viel zu verdanken habe, so wie alle ihr viel zu verdanken haben. Es heißt, dass diese Bank wertvoll ist, dass sie systemrelevant ist, und dass sie den Wohlstand garantiert. Es heißt, dass wir alles tun müssen, um sie zu erhalten, sie muss immer und unter allen Umständen gerettet werden. Aber ich kann nicht zulassen, dass in dieser Bank zwei Tiger gefangen gehalten werden, ich kann nicht zulassen, dass der Wohlstand von zwei Tigern abhängig ist, ich kann nicht zulassen, dass die Dominosteine stehen bleiben.