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Keine Zeit für Klassenkampf

Katharina Klar, Thomas Butteweg, Bernhard Dechant und Andreas Kiendl in „Keine Zeit für Klassenkampf“ im Werk-X, Wien 2014
Regie: Christine Eder
(Foto: Yasmina Haddad)

© Text Robert Woelfl Alle Rechte beim Autor

1

A: Die Manager dieses Freizeitparks in Peking wollen eine originalgetreue Kopie von Meidling, aber ich glaube, dass sie noch nie hier gewesen sind.

C: Wahrscheinlich haben sie nur diese alten Fotos gesehen.

D: Diese Fotos von den Fabriken.

B: Und den Mietskasernen.

C: Diese Fotos von Kinderarbeit und Wohnungsnot.

D: Diese Schwarzweiß-Aufnahmen von vorstädtischer Elendsbevölkerung.

A: Diese Bilder haben sie wahrscheinlich gesehen und gedacht, dass es hier noch immer so aussieht.

D: Dass es hier noch immer Fabriken mit roten Backsteinfassaden gibt.

B: Und mit hohen einsamen Schloten.

C: Aus denen romantisch der Rauch aufsteigt.

B: Und in die morgens Arbeiter in originalgetreuer Arbeiterkleidung zur Arbeit gehen.

D: Aber diese originalgetreuen Arbeiter gibt es hier nicht mehr.

A: Alles, was man mit diesen Bildern assoziiert, gibt es nicht mehr.

C: Wenn man damit die Zeit einer expansiven Industrialisierung assoziiert.

B: Und Massenarmut.

D: Und Verelendung.

A: Sie haben diese Fotos gesehen und gedacht, dass ihre Erlebniswelt genau so aussehen sollte.

B: Genau so wie ein typischer Arbeiterbezirk.

C: Wie ein Arbeiterbezirk vor einhundert Jahren.

D: Die Manager dieses Freizeitparks wünschen sich eine Erlebniswelt, in der man soziales Elend erleben kann.

C: Sie erwarten sich eine originalgetreue Kopie von sozialem Elend.

B: Wir haben uns um diesen Auftrag bemüht und wir haben ihn bekommen. Wir werden diesen Auftrag zur völligen Zufriedenheit des Kunden ausführen.

D: Wir haben noch nie eine Erlebniswelt entworfen, in der man soziales Elend erleben kann.

B: Das kann nicht so schwer sein.

C: Es ist eine Herausforderung.

A: Natürlich ist soziales Elend machbar.

D: Es muss glaubhaft sein.

C: Soziales Elend, das man sehen und hören und riechen kann.

B: Für Menschen, die das zum ersten Mal erleben.

A: Sie wollen eine originalgetreue Kopie eines Arbeiterbezirks, aber Meidling ist kein Arbeiterbezirk mehr.

C: Das stimmt. Das müssten sie wissen.

B: Das steht sogar in Wikipedia.

D: Wikipedia wird in China zensuriert.

B: Warum sollte die Seite über Meidling zensuriert werden?

C: Ich glaube nicht, dass Meidling irgendeine Bedrohung für China darstellt.

A: Sie wollen eine originalgetreue Kopie eines Arbeiterbezirks, der aber kein Arbeiterbezirk mehr ist.

B: Sondern ein Wohnbezirk.

C: Eine monofunktionale Schlafstadt.

D: Eine monofunktionale Schlafstadt mit Straßen unterhalb der Untergrenze für Urbanität.

B: Eine monofunktionale Schlafstadt mit günstigen Mieten.

C: Dafür mit geringer Kaufkraft.

D: Interessant für junge Familien.

B: Und für Pensionisten.

A: Und für Künstler, die hoffen, hier Zugang zu so etwas wie echtem, unverfälschtem Leben zu finden.

C: Stimmt. Arbeiterbezirke gelten als Bezirke mit einem erhöhten Anteil an echtem Leben.

B: Auch wenn sie in Wirklichkeit das nicht vorzuweisen haben.

D: Aber allein das Wort Arbeiterbezirk klingt nach unverfälschtem Leben.

A: Nach ungebändigter Natur.

B: Nach rauem, unbehauenem Stein.

C: Ich verstehe, wenn jemand deswegen hierher zieht.

D: Ich habe hier noch nicht viel von diesem echten, unverbrauchten Leben bemerkt.

B: Wenn du nicht hier wohnst, kannst du auch gar nichts darüber sagen.

D: Es ist mir hier jedenfalls noch nicht aufgefallen.

A: Weil du das gar nicht mehr erkennst.

B: Du wohnst in einem innerstädtischen Hochsicherheitstrakt. Du würdest echtes, unverfälschtes Leben gar nicht erkennen.

D: Natürlich würde ich das.

B: Nein. Das glaube ich nicht.

2

A: Am Anfang habe ich gedacht, dass ich den Auftrag missverstanden habe und dass die Auftraggeber bestimmt eine Kopie eines Arbeiterbezirks vor einhundert Jahren, als dieser Bezirk wirklich noch ein Arbeiterbezirk gewesen ist, wollen. Aber als ich mich noch einmal erkundigt habe, hat sich herausgestellt, dass sie sich tatsächlich eine Kopie eines Arbeiterbezirks erwarten, der kein Arbeiterbezirk mehr ist.

C: Warum sollten sie das wollen?

A: Ich glaube, dass sie eine Kopie eines Arbeiterbezirks, der kein Arbeiterbezirk mehr ist, deshalb wollen, weil die Besucher dieser Erlebniswelt Kommunisten sind, die eigentlich keine Kommunisten mehr sein wollen.

B: Warum sollten Kommunisten, die keine Kommunisten mehr sind, am Wochenende einen Arbeiterbezirk, der kein Arbeiterbezirk mehr ist, besuchen?

A: Warum besucht man eine Erlebniswelt?

D: Um etwas zu erleben.

A: Um etwas zu erleben und etwas zu lernen.

D: Was sollen sie dort lernen?

A: Chinesische Kommunisten, die keine Kommunisten mehr sind, sollen in dieser Erlebniswelt nicht nur Spaß haben, sondern etwas über die Zukunft chinesischer Arbeiterbezirke erfahren.

B: Pekinger Arbeiterbezirke haben eine andere Zukunft als Wiener Arbeiterbezirke.

A: Das muss nicht sein.

B: Alle Arbeiterbezirke erwartet dieselbe Zukunft.

C: Wenn aus einem Arbeiterbezirk die Arbeiter verschwinden, weil die Fabriken verschwinden, dann wird daraus ein Wohnbezirk.

D: Ein Wohnbezirk ohne Geheimnis.

C: Und Charisma.

D: Oder Schlimmeres als ein Wohnbezirk ohne Charisma.

C: Ein Wohnbezirk auf dem Weg nach unten.

D: Ein Wohnbezirk ohne attraktive Wohnungen.

B: Ich kann mir nicht vorstellen, dass chinesische Kommunisten, die keine Kommunisten mehr sein wollen, in dieser Erlebniswelt etwas lernen werden.

C: Man kann nichts dabei lernen, wenn man durch soziale Verelendung spaziert.

B: Was soll man an Bauspekulation und trostlosen Massenquartieren lernen?

D: Vor allem, wenn man Bauspekulation und trostlose Massenquartiere aus dem eigenen Alltag kennt.

C: Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand dort etwas lernen wird.

3

A: Ich glaube, dass die Auftraggeber einen Arbeiterbezirk, der kein Arbeiterbezirk mehr ist, deshalb wollen, weil die Besucher, die früher einmal Kommunisten waren und jetzt keine mehr sind, sich wieder ein politisches Bewusstsein aneignen sollen.

C: In einer Erlebniswelt für soziales Elend kann man sich kein politisches Bewusstsein aneignen.

B: Weil man sich in einer Erlebniswelt prinzipiell kein politisches Bewusstsein aneignen kann.

D: Eine Erlebniswelt besteht aus Kulissen.

C: In Kulissen kann man sich kein politisches Bewusstsein aneignen.

A: Natürlich geht das.

B: Ein politisches Bewusstsein erwirbt man sich in der Schule.

D: Oder später im richtigen Leben.

C: Das meinst, in einem Leben, das aussieht wie das richtige Leben.

B: Warum sollten sich ehemalige Kommunisten wieder ein politisches Bewusstsein aneignen?

C: Politisches Bewusstsein würde nur beim Wirtschaftswachstum stören.

D: Das kann nicht im Interesse der chinesischen Führung liegen.

B: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ehemalige chinesische Kommunisten lieber ein politisches Bewusstsein aneignen, statt die Zeit mit Shopping zu verbringen.

D: Politisches Bewusstsein verursacht ein schlechtes Gewissen.

C: Niemand bezahlt Eintritt für eine Erlebniswelt, in der er ein schlechtes Gewissen bekommt.

B: Ein schlechtes Gewissen ist ein Klotz am Bein.

A: Vielleicht ist es auf irgendeine Weise doch produktiv.

C: Nein. Es führt zu Depressionen.

D: Und Depressionen drosseln das Wirtschaftswachstum. Und treiben so die Schulden noch weiter an.

A: Wenn diese Manager in Peking tatsächlich eine originalgetreue Kopie von Meidling wollen, dann müssen sie davon ausgehen, dass es auch hier ein erhöhtes politisches Bewusstsein gibt.

B: Was es aber nicht gibt.

C: Woher weißt du das?

B: Das weiß ich.

C: Hast du alle Einwohner dieses Bezirks nach dem Stand ihres politischen Bewusstseins gefragt?

D: Mir ist hier auch noch kein erhöhtes politisches Bewusstsein aufgefallen.

A: Du wohnst nicht in diesem Bezirk. Also kannst du auch nichts darüber sagen.

B: Erhöhtes politisches Bewusstsein fällt einem auch nicht einfach so auf, wenn man hier ein einziges Mal durch die Fußgängerzone geht.

D: Ich kann mir hier nicht eine Wohnung mieten, damit mir hier dieses erhöhte politische Bewusstsein auffällt. Ich kann nicht deshalb hierher ziehen, nur um darüber eine Aussage treffen zu können.

B: Beispiele für sozialen Wohnbau bedeuten nicht selbstverständlich ein erhöhtes politisches Bewusstsein. Der Liebknechthof oder George-Washington-Hof bedeuten nicht selbstverständlich ein erhöhtes linkes politisches Bewusstsein.

C: Obwohl man sich genau dieses erhöhte politische Bewusstsein erwartet, wenn man in diesem Bezirk aus der U-Bahn steigt.

A: Ein erhöhtes politisches Bewusstsein und einen Zugang zu echtem, unverfälschtem Leben.

B: Als gäbe es dafür hier eine Tradition.

C: Dabei gibt es hier nur eine Tradition für geringe Einkommen.

B: Was aber niemand hören will.

D: Ich war schon einmal auf dem Meidlinger Markt. Weil mir Freunde empfohlen haben, einmal hier einzukaufen. Und natürlich habe ich so wie alle angenommen, dass es dort neben dem Gemüse aus der nahen Umgebung und dem Fleisch aus der Steiermark auch ein Angebot an politischem Bewusstsein gibt. Aber nichts. Weder politisches Bewusstsein noch Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen noch den Wunsch nach Veränderung von irgend etwas. Im Gegenteil hat man mich argwöhnisch angesehen, so als hätte ich die Absicht, politisches Bewusstsein aus der Innenstadt in Stadtrandbezirke zu exportieren. Alle in diesem Bezirk sind so damit beschäftigt, auf eine Wertsteigerung ihrer Eigentumswohnung zu hoffen, dass niemand Zeit hat für Ungenügen und Unzufriedenheit. Ich arbeite sehr viel mehr als nur vierzig Stunden in der Woche und am Dienstag und Donnerstag gehe ich ins Fitnessstudio und am Wochenende hätte ich mich einfach gern einmal mit jemandem über revolutionäres Gedankengut unterhalten. Das müsste doch möglich sein. Aber wen ich auch nach revolutionärem Gedankengut frage, als Antwort bekomme ich immer nur Kochrezepte von Jamie Oliver.

4

A: Vielleicht hat die Führung der Kommunistischen Partei die Einrichtung dieser Erlebniswelt angeregt, um die Bürger zu repolitisieren.

C: Was hätte die Führung der Partei davon?

B: Was hätte die Führung der Kommunistischen Partei Chinas von einer Repolitisierung ehemaliger Kommunisten?

D: Repolitisierte Bürger machen nur Ärger.

C: Sie interessieren sich nicht für den Erwerb von Eigentumswohnungen.

B: Sie geben weniger Geld beim Shoppen aus.

D: Sie interessieren sich plötzlich wieder für Politik.

C: Und Politik bedeutet das Aufdecken von Korruption.

B: Repolitisierte Bürger stellen unangenehme Fragen.

C: Was hätte die Partei davon?

A: Vielleicht geht es um eine Repolitisierung auf einer höheren Ebene. Eine Repolitisierung, die sich auf das Konsumverhalten nicht störend auswirkt.

D: So etwas gibt es nicht.

B: Wofür oder wogegen sollen repolitisierte Menschen kämpfen?

C: Repolitisierte Menschen kämpfen nicht.

B: Was tun sie dann?

D: Sie betrachten wahrscheinlich Politik mit anderen Augen.

C: Aus einem romantischen Blickwinkel.

D: Aus sicherer Entfernung.

C: Ohne sich einzumischen.

A: Die Führung der Kommunistischen Partei Chinas hat erkannt, dass Kommunismus zur Identität von Kommunisten gehört. Dass das dazugehört und dass man das braucht.

B: Das stimmt. Der Führung der Partei ist der Kommunismus abhanden gekommen.

C: Und die Kommunisten.

B: Kommunismus ohne Kommunisten, das sieht nach außen hin nicht gut aus.

C: Kommunismus ohne Kommunisten kann man nicht als Heilsversprechen verkaufen.

D: Obwohl das eindeutig ein Erfolgsmodell ist.

B: Ich glaube nicht, dass aus allen ehemaligen Kommunisten wieder richtige Kommunisten werden sollen. Die Führung der Kommunistischen Partei Chinas will ganz bestimmt nicht vom eingeschlagenen Weg zur Marktwirtschaft abweichen.

A: Vielleicht geht es darum, nicht wie ein Kommunist zu handeln, aber wie ein Kommunist zu fühlen. Vielleicht sollen chinesische Kommunisten, die keine Kommunisten mehr sein wollen, sich zwar der kapitalistischen Marktwirtschaft verschreiben, aber im Herzen Kommunisten bleiben.

C: Und dabei soll ihnen Meidling helfen?

A: Meidling soll ihnen helfen, egoistisch zu handeln, aber solidarisch fühlen.

B: Weil man sich mit Kommunismus einfach besser fühlt?

A: In einer Erlebniswelt geht es um intensive Gefühle. Gerade in einer Erlebniswelt, in der man soziales Elend erlebt, geht es um intensive Gefühle. Und Kommunismus ist ein intensives Gefühl.

B: Aber wenn ich durch Meidling gehe, dann komme ich nicht auf die Idee, solidarisch zu fühlen. Nichts auf der Meidlinger Hauptstraße animiert mich dazu, solidarisch zu fühlen.

C: Warum eigentlich nicht?

B: Ich weiß nicht, warum nicht.

D: Gerade du müsstest solidarisch fühlen. Du hast doch einmal erzählt, dass du in einem Arbeiterbezirk aufgewachsen bist.

B: Das stimmt.

A: Von jemandem, der in einem Arbeiterbezirk aufgewachsen ist, nimmt man an, dass er sich irgendwann mit sozialen Ideen beschäftigt hat.

C: Man nimmt an, dass er etwas mit dem Begriff Solidarität anfangen kann.

A: Auch wenn man diesen Begriff eigentlich nirgendwo mehr hört.

C: Das stimmt. Ab und zu liest man das Wort noch irgendwo, aber dass man es hört, das passiert einem eigentlich nicht mehr. Dabei wäre es gar nicht schlecht, dieses Wort einmal in einem Gespräch fallenzulassen, vielleicht sogar ohne dass es in einem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Gespräch steht, zum Beispiel könnte man in eine Unterhaltung über den neuen Hauptbahnhof plötzlich das Wort Solidarität fallen lassen, einfach so, um den Gesprächspartner darauf aufmerksam zu machen, dass es dieses Wort noch gibt. Man könnte es überhaupt viel öfter aussprechen, einfach so, um die anderen zu ärgern. Es gibt eine ziemlich große Zahl von Menschen, die, wenn sie dieses Wort hören, sofort nach ihrer Geldtasche greifen, um nachzusehen, ob sie ihnen wohl nicht gerade gestohlen wurde.

B: In dem Arbeiterbezirk, in dem ich aufgewachsen bin, wollte niemand etwas davon wissen, dass es ein Arbeiterbezirk war. Das Wort Arbeiterbezirk erinnert mich daran, dass meine Eltern nur dafür gearbeitet haben, diesen Bezirk einmal zu verlassen. Ich glaube nicht, dass alle Arbeiter das Wort Arbeiterbezirk ständig hören wollen. Die meisten, bin ich mir sicher, hätten gar nichts dagegen, wenn man zu ihrem Arbeiterbezirk auch einmal bürgerlicher Wohnbezirk oder Cottageviertel oder Villengegend sagen würde.

A: Bestimmt hast du Recht und wir romantisieren Arbeiterbezirke.

D: Ja. Wir laden Arbeiterbezirke mit Klassenkampfromantik auf.

B: Alle, die in einen Arbeiterbezirk ziehen, laden diesen Bezirk mit Klassenkampfromantik auf. Sie halten den Kauf von frischem Gemüse in einer Umgebung, die irgendwann einmal etwas mit Klassenkampf zu tun hatte, schon für eine politische Handlung.

C: Das stimmt. Wenn sie am Samstag Vormittag dort einen Kaffee trinken, fühlen sie sich, als wären sie in die Kommunistische Partei eingetreten.

A: Vielleicht will die Führung der Kommunistischen Partei Chinas den Besuchern der Erlebniswelt ein Gefühl von Klassenkampf vermitteln.

B: Ein Gefühl von Klassenkampf ohne echten Klassenkampf.

D: Ein Gefühl von Klassenkampf, das den echten Klassenkampf ersetzt.

C: Der in China gar nicht mehr notwendig ist.

B: Man braucht ihn nur noch als Stimmungsaufheller.

D: Als Accessoire.

B: Weil man sich mit diesem Begriff besser fühlt als ohne.

A: Jeder fühlt sich mit diesem Gefühl besser.

C: Auch wenn es bloß ein Gefühl bleibt.

D: Es ist reine Nostalgie. Nichts als Nostalgie.

B: Als würde man mit dem Wort Klassenkampf die gute alte Zeit verbinden.

A: Als würde man Klassenkampf mit Biedermeier verbinden.

C: Dabei hat Klassenkampf wirklich nichts mit dem Biedermeier zu tun.

D: Hat es nicht. Aber wenn man alles, was irgendwann einmal passiert ist, für die gute alte Zeit hält, kann man leicht Klassenkampf mit Biedermeier verwechseln.

B: Man zählt ja sogar Arbeiterbezirke zur guten alten Zeit.

C: Irgendwann wird man sogar glauben, dass das Biedermeier das Zeitalter der Arbeiterbezirke war.

5

A: Diese Erlebniswelt in Peking wird nur funktionieren, wenn man auch Schauspieler einsetzt. Trostlose Mietskasernen und rauchende Fabrikschlote sind zu wenig. Wir werden Schauspieler brauchen, die in die Rolle von Arbeitern schlüpfen. Und in die Rolle der Frauen und Kinder der Arbeiter.

B: Das glaube ich auch. Ohne Schauspieler wird das nicht funktionieren.

C: Ohne Schauspieler, die das glaubhaft spielen können.

D: Ohne Schauspieler, die glaubhaft soziales Elend verkörpern können.

B: Das ist doch nicht schwer. Alle Schauspieler können soziales Elend verkörpern.

A: Aber es ist immer problematisch.

C: Natürlich ist das problematisch.

D: Man wird sagen, das sei ästhetizistischer Sozialkitsch.

B: Natürlich wird das ästhetizistischer Sozialkitsch werden, aber ohne Schauspieler wird es nicht funktionieren.

C: In einer Erlebniswelt toleriert man ästhetizistischen Sozialkitsch.

A: Man erwartet sich sogar ästhetizistischen Sozialkitsch.

D: Man zahlt Eintritt für ästhetizistischen Sozialkitsch.

B: Während man im Theater über ästhetizistischen Sozialkitsch die Nase rümpft.

A: Wir werden chinesische Schauspieler engagieren müssen.

C: Chinesische Schauspieler, die österreichische Arbeiter vor einhundert Jahren spielen müssen.

D: Warum sollten sie das nicht können?

B: Es wird befremdlich wirken.

D: Warum?

B: Es ist eine Erlebniswelt und es ist nicht Theater, in dem man abstrahieren kann. In einer Erlebniswelt soll man erleben und nicht abstrahieren.

C: Chinesische Schauspieler müssen österreichisches soziales Elend verkörpern.

A: Das wird schon funktionieren.

B: Das wird es nicht.

A: Jeder gute Schauspieler kann soziales Elend verkörpern.

B: Ich hasse es, wenn im Theater soziales Elend dargestellt wird.

D: Es muss auch Stücke über soziales Elend geben. Man muss sich mit dem sozialen Elend auseinandersetzen.

B: Aber ohne das soziale Elend darzustellen.

C: Dann wird es Zuseher geben, denen etwas fehlen wird.

B: Soziales Elend passt besser ins Fernsehen.

D: Und in Erlebniswelten.

6

A: Wenn diese Erlebniswelt in Peking ein Erfolg wird, werden wir dieses Modell auch nach Moskau verkaufen können.

C: Wenn es das dort noch nicht gibt.

D: Nein. Das glaube ich nicht.

B: In Russland gibt es mehrere kommunistische Parteien, oder zumindest nennen sie sich so, aber ich weiß nicht, ob eine davon am politischen Bewusstsein der Bürger interessiert ist.

C: Und ob eine davon ehemalige Kommunisten repolitisieren will.

A: Wenn die Erlebniswelt in Peking ein Erfolg wird, werden auch die Freizeitparks in Russland Arbeiterbezirke wollen.

D: In Moskau müsste es doch genügend Arbeiterbezirke geben.

A: Aber ein fremder Arbeiterbezirk ist etwas anderes als ein eigener.

B: Was meinst du damit?

A: Wenn man Probleme mit der Geschichte der eigenen Arbeiterbezirke hat, ist es besser, einen fremden Arbeiterbezirk zu nehmen.

C: Stimmt. Wenn man Probleme hat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, ist es besser, fremde Geschichte zu importieren.

D: Fremde Geschichte ist einem nicht so nahe.

C: Fremde Geschichte kann man auch leicht wieder loswerden, wann man genug davon hat.

B: Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Präsident der Russischen Föderation von der Idee begeistert sein wird.

A: Warum nicht?

D: Repolitisierung hat viele Vorteile.

C: So wie Respiritualisierung. Und damit hat man in Russland Erfahrung.

B: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Kreml davon begeistert ist, wenn man erfährt, dass Stalin einmal in diesem Bezirk gewohnt hat.

A: Nur für kurze Zeit.

D: Als eine Art Tourist.

C: Nein. Nicht als Tourist. Sondern als Berufsrevolutionär.

B: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand im Kreml zurzeit mit Stalin in Verbindung gebracht werden will.

A: Wir werden nichts davon erwähnen, dass Stalin einmal hier war.

C: Schließlich geht es um eine Erlebniswelt Arbeiterbezirk und nicht um eine Erlebniswelt Stalin.

B: Aber man kann das mit Stalin nicht verheimlichen.

D: An der Fassade des Hauses, in dem er damals gewohnt hat, hängt noch immer eine Gedenktafel.

B: Bei der Entstalinisierung hat man vergessen, sie abzumontieren.

A: Dann muss man sie eben jetzt abmontieren.

B: Das geht nicht so einfach.

A: Warum nicht?

D: Man hat eine Zusatztafel angebracht, auf der an die Opfer des Stalinismus erinnert wird.

C: Es wird nicht einfach werden, sie abzumontieren. Es ist eine Kuriosität.

B: Und der Fremdenverkehr lebt von Kuriositäten.

C: Es wird nicht einfach werden, Meidling nach Moskau zu verkaufen.

A: Wir werden ihnen einreden müssen, dass zu einem richtigen Arbeiterbezirk auch eine Stalin-Gedenktafel gehört.

D: Wir werden ihnen einreden müssen, dass zu einer Repolitisierung auch Stalin dazugehört.

C: Natürlich nur als Kuriosität.

A: Eine Erlebniswelt braucht auch ein paar Dämonen.

D: Dafür ist niemand so gut geeignet wie Stalin.

C: Wenn wir diese Gedenktafel als die dämonische Seite an einem Arbeiterbezirk hinstellen, wird man uns diese Tafel nicht übel nehmen.

A: Dann wird man vielleicht sogar auf diesem Detail bestehen.

D: Und die Erlebniswelt für die historische Genauigkeit loben.

B: Ich bin skeptisch, ob uns das gelingen wird.

A: Wenn sie den Arbeiterbezirk nicht wollen, dann können wir ihnen immer noch die Russische Revolution anbieten.

C: Das gibt es doch schon.

A: Nein, das gibt es noch nicht.

D: In Moskau gibt es keine Russische Revolution?

A: Meines Wissens nicht.

B: Dann bieten wir ihnen das an.

7

A: Wenn diese Erlebniswelt in Peking ein Erfolg wird, dann wird auch das Original in Meidling bekannt werden. International bekannt. Dann wird Meidling irgendwann vielleicht auch als Weltkulturerbe eingestuft werden.

C: So wie Hallstatt.

B: Hallstatt war schon Weltkulturerbe, bevor es in China nachgebaut wurde.

D: Bei Meidling wird es andersherum passieren.

B: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Meidling als Weltkulturerbe eingestuft wird.

C: Was soll an diesem Bezirk so wertvoll sein, dass man es als wertvolles Weltkulturerbe definieren sollte?

A: In allen großen Städten auf der ganzen Welt verschwinden die Arbeiterbezirke.

B: Auch Meidling ist als Arbeiterbezirk schon verschwunden.

A: Fast, aber noch nicht ganz.

B: Es behauptet nur noch, ein Arbeiterbezirk zu sein, und das aus Marketinggründen.

A: Vielleicht wird Meidling wieder ein richtiger Arbeiterbezirk.

C: Das kann ich mir nicht vorstellen.

A: Wenn Meidling den Status als Weltkulturerbe erlangen will, muss es wieder ein richtiger Arbeiterbezirk werden.

D: Das wird nicht machbar sein.

A: Es müssten wieder Arbeiter nach Meidling ziehen.

B: Es gibt keine Arbeiter mehr.

C: Nicht in dem Sinn, was du darunter verstehst.

D: Es gibt nur mehr Arbeiter in einem übertragenen Sinn.

A: Ich meine nicht Arbeiter in einem übertragenen Sinn, sondern richtige Arbeiter.

B: Du meinst Arbeiter in Arbeiterkleidung.

C: Arbeiter mit dem Gesichtsausdruck eines Arbeiters.

D: Und Arbeiter, die wieder echtes, unsentimentales Leben nach Meidling bringen.

B: Es gibt keine echten, unsentimentalen Arbeiter mehr.

A: Natürlich gibt es die noch.

C: Es gibt auch keine echten, unsentimentalen Fabriken mehr. Und Arbeiter und Fabriken gehören zusammen, zumindest in einem Bedeutungszusammenhang, wie es ihn früher einmal gegeben hat.

D: Es gibt keine Fabriken mehr, die das noch in einem ursprünglichen Sinn sind und die auch so aussehen.

A: Solche Fabriken gibt es noch immer. Zum Beispiel in Peking.

D: Warst du eigentlich schon einmal in Peking?

A: Nein.

C: Ich war schön öfters in Peking und natürlich gibt es dort Fabriken. Ich habe sie zwar nicht gesehen, aber man merkt es an der Luft. Wo die Luft schmutzig ist, muss es auch einen Grund dafür geben. Neben dem Individualverkehr sind es vor allem die Fabriken, die dafür verantwortlich sind. In Peking gibt es noch richtige Fabriken, die die Luft verpesten. Für die Bewohner und die Touristen und die Vögel in der Stadt ist das entsetzlich, aber es ist ein Zeichen dafür, dass es noch Arbeit gibt, lebendige, unverschämte Arbeit, ich meine, lebendige, unverfälschte Arbeit. Und die dazu passenden Arbeiter. Wo es Arbeiter gibt, muss es auch Leben geben, nicht bloß beheizte Garagen für Menschen und Autos. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen und Autos es gut haben, das ist schließlich der Fortschritt, doch es muss noch etwas anderes geben. Ich bin auch dagegen, dass Fabriken die Luft verpesten und die Flüsse verschmutzen, aber das Leben, das sie produzieren, das ist großartig. Dieses Leben mit dem Lärm und der Unordnung, das ist etwas ganz anderes als ein Mobiltelefon mit kratzfester Oberfläche oder als ein Gruß aus der Küche.

8

A: Man könnte wieder solche Fabriken errichten, das heißt, die Außenmauern von Fabriken würden schon genügen. Im Inneren könnte man ja etwas anderes unterbringen.

B: Zum Beispiel Büros.

C: Oder Wohnungen.

D: So könnte man in einem Arbeiterbezirk einen Wohnbezirk verstecken und von außen würde es wie ein Arbeiterbezirk aussehen.

B: Man würde sich so fühlen, als ob man in einem aufregenden Arbeiterbezirk und nicht bloß in einem geheimnislosen Wohnbezirk wohnen würde.

A: Wenn es keine Arbeiter mehr gibt, könnte man die Arbeiter von Schauspielern darstellen lassen.

C: Das soziale Elend kann auch von Schauspielern dargestellt werden.

B: Es gibt hier aber schon seit längerem kein soziales Elend mehr.

D: Damit ein Arbeiterbezirk als Arbeiterbezirk überzeugend ist, braucht man an verschiedenen Plätzen soziales Elend.

A: Hundert Schauspieler müssten reichen.

C: Auf der Meidlinger Hauptstraße und dem Meidlinger Markt.

D: In den U-Bahn-Stationen und bei den Straßenbahnhaltestellen.

B: Es müssten aber auch die Handwerker und kleinen Beamten und Näherinnen und Bäckerinnen von Schauspielern dargestellt werden.

A: Kein Problem.

B: Aber das wird für den Status als Weltkulturerbe nicht reichen.

A: Warum nicht?

B: Das wird einfach nicht reichen.

A: Wenn es hier kein echtes, unverfälschtes, unverbautes Leben mehr gibt, wenn es hier kein Leben mehr gibt, das sich gegen alle Widerstände seinen Weg nach draußen bahnt, dann muss man es eben inszenieren.

C: Man kann alles inszenieren.

D: Also auch echtes, ursprüngliches Leben.

C: In der Innenstadt wird ja auch alles mögliche inszeniert.

D: Und dort regt das niemanden auf.

A: Stimmt. Da wird eine glückliche, sorgenfreie Stadt inszeniert.

C: Eine Stadt im ewigen Biedermeier.

D: Dort hat man den Eindruck, als würden sogar die Fiaker von Schauspielern dargestellt.

A: Und als würden auch in den Lipizzanern nur Schauspieler stecken.

D: Man hat den Eindruck, dass alle die kleinen verwinkelten Gassen.

C: Und verwinkelten Konditoreien.

D: Und das gemütliche Kopfsteinpflaster.

C: Von Schauspielern dargestellt werden.

B: Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass man so einfach einen Status als Weltkulturerbe erhält.

D: Doch. Du wirst sehen, das geht ganz einfach.

9

A: Wenn irgendjemand im Rathaus daran interessiert wäre, Meidling als Arbeiterbezirk zu retten, dann müsste aus dem ehemaligen Arbeiterbezirk wieder ein Arbeiterbezirk werden.

C: Stimmt. Meidling müsste eine Erlebniswelt werden.

B: So perfekt, dass man fast nicht merkt, dass es eine Erlebniswelt ist.

D: Eine Erlebniswelt, die mit der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich ist.

C: Etwas, das sich vertraut und familiär anfühlt.

B: So wie in Peking.

D: Noch besser als in Peking.

A: Wenn man Meidling als Arbeiterbezirk retten will, muss man daraus eine Erlebniswelt machen.

B: Man muss den Bezirk als Arbeiterbezirk inszenieren.

C: Für die Manager des Freizeitparks in Peking ist es ganz selbstverständlich, einen Arbeiterbezirk zu inszenieren.

A: Wenn es ein Interesse daran gibt, diesen Arbeiterbezirk zu retten, gibt es vielleicht auch ein Interesse daran, das politische Bewusstsein zu retten. Wenn irgendjemand in der Regierung dieses Landes daran interessiert wäre, das politische Bewusstsein zu retten, müsste man es ebenfalls als Erlebniswelt gestalten.

B: Das ist nicht so einfach.

A: Natürlich ist das ganz einfach.

C: Politisches Bewusstsein ist kein Freizeitangebot.

D: Natürlich ist politisches Bewusstsein ein Freizeitangebot.

A: Ein Freizeitangebot, das gar nicht besonders teuer ist.

D: Und auf das jeder zugreifen kann.

A: Wenn man politisches Bewusstsein als Erlebniswelt gestaltet, dann wird man als Ergebnis entfremdetes politisches Bewusstsein erhalten. Ein entfremdetes politisches Bewusstsein ist vielleicht gar nicht so schlecht.

B: Besser als gar kein politisches Bewusstsein.

C: Das sehen die Manager in China wahrscheinlich auch so.

D: Und nützen dieses entfremdete politische Bewusstsein für ihre Zwecke.

A: Sie legen den Arbeitern ein entfremdetes politisches Bewusstsein nahe.

B: So als eine Art Hintergrundbild.

C: Als ein politisches Hintergrundbild.

D: Mit diesem politischen Hintergrundbild hat man das Gefühl, etwas für die Gesellschaft zu tun, während man bloß etwas für sich tut.

B: Während man auf ein Mobiltelefon spart.

C: Oder eine Handtasche aus Mailand.

D: Oder auf ein kleines Stück Land als Privateigentum.

A: Ein entfremdetes politisches Bewusstsein hätte viele Vorteile. Man könnte durch einen Arbeiterbezirk spazieren und sich dabei vorstellen, dass es hier wieder Arbeit gibt.

B: Man würde die Arbeit sehen und hören und riechen.

C: Man würde die Arbeit spüren.

D: Während es nur vorgetäuschte Arbeit ist.

B: Arbeit, die von Schauspielern dargestellt wird.

C: Man würde wieder an Wachstumsraten glauben.

D: Während es nur Wachstumsraten wären, die von Schauspielern dargestellt werden.

A: Man hätte den Eindruck, hier ein echtes, unverfälschtes Leben zu finden.

B: Dabei gibt es das gar nicht.

C: Auch wenn man es sich noch so sehr wünscht.

D: Das ist bloß eine fixe Idee von Künstlern und Kunststudenten.

B: Abgesehen davon, dass zu viel echtes, unvernünftiges Leben den meisten von uns gar nicht Recht wäre.

C: Denn dabei kann ja immer etwas passieren.

A: Echtes, unverfälschtes Leben gibt es nicht.

B: Auf den flexiblen Bauernmärkten nicht. Und in den zuverlässigen Fabriken nicht.

C: Schon gar nicht in den veganen Fußgängerzonen.

D: Hier nicht. Und in Peking nicht.

A: In einer Stadt wie dieser gibt es gefühlte Sicherheit in der Innenstadt.

C: Und kostengünstige Parkplätze in den Randbezirken.

B: Und das muss für ein erfülltes Leben reichen.

A: Echtes, unverfälschtes Leben ist eine Marketingidee für Arbeiterbezirke.

D: Es ist eine Erfindung von Immobilienentwicklern, mit der man viel Geld verdienen kann.

C: Ich habe nichts gegen Immobilienentwickler, aber das mit dem echten, unverwüstlichen Leben stimmt einfach nicht.

B: Ich weiß, dass es die Sehnsucht danach gibt, ich verspüre sie ja selbst oft genug, aber diese Sehnsucht wird unbefriedigt bleiben.

A: Ich wünschte, ich würde auch nicht von diesem seltsamen unverfälschten Leben träumen, denn solche Träume sind bloß Möglichkeiten, mir Geld zu entlocken.

D: Es bleibt ein unerfüllbarer Wunsch. Und das ist gut so.