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Objekt Nummer 1

© Robert Woelfl

Textausschnitt

Es war eine Redensart, es war Schwachsinn, aber es war auch die Wahrheit. Das hätte Florian zu Frau Jakobus sagen können. Um allerdings seine Theorie zu beweisen, dass sich Veränderungen erzwingen ließen, wenn man es nur um jeden Preis wollte, und nicht bloß Zufall waren, der über einen kam wie ein plötzlicher Regenschauer, hätte er ihr von Objekt Nummer 1 erzählen müssen, und von seinem Job, und der Wohnung in der Skodagasse, in der er zurzeit übernachtete, und von Alice, und mehr oder weniger von seinem ganzen Leben, und das ging Frau Jakobus wirklich nichts an. Nicht in dieser Ausführlichkeit.
Alles kann sich ändern, von heute auf morgen, und manchmal ändert es sich dann, wenn man nicht mehr damit gerechnet hat. Klang wie eine banale Redensart. War eine banale Redensart. Aber es stimmte. Zumindest für ihn. Zumindest in diesem Augenblick. Denn genau das passierte gerade in seinem Leben.
Wahrscheinlich hätte ihm Frau Jakobus mit ihren großen Kronleuchter-Perlenohrringen aber gar nicht so lange zugehört. Was verband sie denn? Nichts, außer dass sie jeden Morgen im selben Café saßen. Florian frühstückte zwei Buttersemmeln mit Marillenmarmelade und Frau Jakobus trank ein Bier.
Sie hatten sich angewöhnt, über die leeren Tische zwischen ihnen hinweg ein paar Worte miteinander zu wechseln, bloß so, aus universeller Weltfreundlichkeit. Florian setzte sich jedes Mal an einen Vierer-Tisch in der Ecke links vom Eingang, wo er genügend Platz für seinen Laptop und die Ringmappen hatte. Während Frau Jakobus immer an einem Tisch direkt vor den Bildschirmen saß. Um acht waren außer ihnen noch keine Gäste da, und es dauerte nie lang, bis Frau Jakobus etwas sagte, um ein Gespräch in Gang zu bringen. An diesem Tag fragte sie ihn, ob er das Spiel am Vorabend gesehen hatte.
Welches Spiel? fragte er.
Gestern hat doch Liverpool gespielt. Haben Sie das Spiel nicht gesehen?
Liverpool? Nein, das habe ich versäumt. Florian lächelte, wie um sich dafür zu entschuldigen.
Stimmt, sagte Frau Jakobus, Sie haben etwas versäumt. Es kann Ihnen Leid tun, dass Sie es nicht gesehen haben.
Frau Jakobus war mindestens siebzig, hatte eine dunkelbraune, von der Sonne gegerbte Haut, und die Hände eines Raubvogels. Ihre Haare waren vorn in die Höhe toupiert und ihre Perlenohrringe ließen einen an Kronleuchter aus einem lang vergangenen Jahrhundert denken. Frau Jakobus trank ausschließlich Bier. Unabhängig von der Tageszeit.
Ich habe auf Liverpool gesetzt und fünfundfünfzig gewonnen, sagte Frau Jakobus und strahlte dabei über das ganze Gesicht.
Gratuliere, sagte Florian, das ist großartig. Er wollte Frau Jakobus zeigen, dass er sich für sie freuen konnte. Und dass er wusste, dass man Anteil nehmen musste an der Freude der anderen.
Fünfundfünfzig ist nicht sehr viel, ich weiß, sagte Frau Jakobus.
Doch, sagte Florian. Ich wäre froh, wenn ich fünfundfünfzig gewinnen würde.
Frau Jakobus nahm einen Schluck von ihrem Bier und sagte: Wie wollen Sie etwas gewinnen, wenn Sie nie wetten?
Ich kann nicht wetten, sagte Florian darauf.
Frau Jakobus wedelte mit der Hand, wie um dieses Argument so schnell wie möglich wegzuwischen. Das kann doch jeder. Was soll denn daran schwer sein?
Ich kann es, glaube ich, nicht, sagte Florian. Am besten, ich probiere es erst gar nicht.
Frau Jakobus beugte sich über den Tisch zu ihm. Zu feige dazu?
Ja, wahrscheinlich. Was genau genommen auch stimmte. Zu wetten, war ihm einfach zu riskant. Er hatte schlichtweg zu wenig Kapital, um diesem Vergnügen nachzugehen oder sich diese Sucht anzugewöhnen.
Wenn Sie das erste Mal gewonnen haben, werden Sie nicht mehr so feige sein, warf Frau Jakobus ein.
Vielleicht, aber ich lasse es trotzdem lieber. Das ist besser so.
Fragen Sie mich doch einfach einmal nach einem Tipp, sagte Frau Jakobus. Sie wollte sich nicht so schnell geschlagen geben.
Ja, gern, das mache ich, ein anderes Mal, ich werde Sie einmal nach einem guten Tipp fragen, versprochen.
Florian kam in das Café, weil es gleich ums Eck von der Wohnung lag, in der er übernachtete, und weil das Frühstück hier so billig war wie nirgendwo sonst. Dass es ein Wettcafé war, blendete er aus. Er interessierte sich nicht fürs Wetten.
Frau Jakobus holte ihren Lippenstift heraus und zog ihre Lippen nach, weil die ganze Farbe von ihren Lippen auf das Bierglas gewandert war.
Heute mache ich mehr, sagte sie. Heute mache ich hundert. Oder noch mehr.
Ich drücke Ihnen die Daumen, sagte Florian.
Frau Jakobus nickte. Und nickte damit auch sich selbst Mut zu. Dann widmete sie sich wieder den Bildschirmen vor ihr, über die Fußballspiele, Eishockeyspiele und Pferderennen flimmerten und immer wieder endlos lange Ergebnislisten.

Alles konnte sich ändern, und jetzt änderte es sich gerade zu seinem Vorteil. Er war dabei, Objekt Nummer 1 zu verkaufen. Vor acht Monaten hatte Locus amoenus Immobilien ihn damit beauftragt. Nachdem davor Jannis ein Jahr lang versucht hatte, es loszuwerden. Aber Jannis war eben ein Versager, ein Stümper, jemand im falschen Beruf. Das war nicht nur seine Meinung. Alle hatten sich gefragt, warum ausgerechnet Jannis mit Objekt Nummer 1 herumlaufen und Interessenten dafür suchen durfte. Jannis war der Liebling der Firma. Das war Grund. Und weil er so gut aussah. Gutaussehende Makler brachten deutlich mehr Objekte an, hieß es, sagte man, ganz allgemein. Mag sein. Jannis allerdings hatte seines nicht angebracht. Also hatte Florian die Gelegenheit erhalten, zu zeigen, dass er der beste bei Locus amoenus Immobilien war. Wovon bis jetzt nur er selbst überzeugt gewesen war. Die Wirklichkeit sah nämlich so aus: Er hatte schon sehr lange nichts mehr verkauft. Nicht ein einziges Objekt.
Er hatte es sich von Anfang an zugetraut, für Objekt Nummer 1 einen Käufer zu finden. Selbstbewusstsein war in diesem Beruf nicht nur ein Startkapital, sondern eigentlich das einzige Auswahlkriterium. Wichtiger als Selbstbewusstsein war nur übersteigertes Selbstbewusstsein. Er hatte zu Oliver gesagt, dass er nicht länger als drei Monate dafür brauchen werde. Versprochen. Einverstanden. Aber wie gut, dass er dann nicht an diesen Worten gemessen wurde. Drei Monate stellte sich als nicht machbar heraus. Eine Illusion. Florians Glück, dass man in seiner Branche fürs Angeben nicht bestraft wurde. Solange man gleich ein nächstes Versprechen hinterher schickte, damit niemand Zeit hatte, über das Nichteinhalten des ersten nachzudenken. Die ersten drei Monate waren verstrichen, ohne dass er einen einzigen ernstzunehmenden Interessenten gefunden hatte. Also versprach er Oliver, innerhalb der nächsten drei Monate gleich mehrere zu finden. Als auch diese drei Monate ohne Ergebnis geblieben waren, bekam das Selbstbewusstsein Dellen. Das Schicksal hatte einmal kräftig hineingeboxt. Doch dann, nach acht Monaten Keine-Ahnung-warum-das-nicht-klappt tauchte aus dem Nebel des flächendeckenden Desinteresses plötzlich eine Interessentin auf. Mehr noch, fast schon eine Käuferin. Sie war von Objekt Nummer 1 so begeistert, dass Florian fest annehmen konnte, sie würde es auch kaufen. Ein paar Verhandlungsrunden, schrittweises Absenken des Preises, bluffen, schmeicheln, hofieren, ganz am Ende würde sie es dann händeringend haben wollen.
Die Interessentin kam aus Ungarn, und das war die erste Überraschung: Es war niemand aus Russland, sondern jemand aus Ungarn. Das hätte sich keiner bei Locus amoenus Immobilien gedacht. Die ganze Zeit hatten alle nur von den Russen geredet. Die Russen da und die Russen dort. Die Russen vorn und die Russen hinten. Man müsse jemand aus Moskau finden oder jemand aus Petersburg oder jemand aus, meinetwegen, Wladiwostok. Ganz egal. Aus Russland jedenfalls. Und jetzt präsentierte Florian ihnen jemand aus Ungarn. Allen neunmalklugen Besserwissern zum Trotz hatte er eine Ungarin gefunden. Das heißt, genaugenommen hatte sie ihn gefunden, weil sie auf die Anzeige hin geantwortet hatte. Aber in Florians Branche wurde man von den Kunden nicht gefunden, sondern man fand die Kunden. Man war aktiv, nicht passiv. Das gehörte zum Selbstverständnis dieser Branche dazu.
Die Interessentin und eigentlich So-gut-wie-schon-Käuferin hieß Eszter Schneider. Und die zweite Überraschung war: Frau Schneider war nicht nur finanziell in der Lage, Objekt Nummer 1 zu erwerben, sie war auch genau die richtige dafür. Sie war die passende Prinzessin zu diesem Märchenschloss.
Frau Schneider kam aus Szeged, hatte in Budapest auf der Wirtschaftsuniversität studiert, war mit einem Mann, der im Energiesektor arbeitete, verheiratet gewesen, und von diesem Mann seit kurzem geschieden. Das Kapital für Objekt Nummer 1 stammte, wie sie Florian gleich bei ihrem ersten Gespräch erklärt hatte, von ihrem Ex-Mann. Es war das, was er ihr schuldete.
Eszter Schneider besuchte Konzerte im Musikvereinssaal, hatte sämtliche Ausstellungen des vergangenen Jahres im Kunsthistorischen und in der Albertina gesehen, war Mitglied der Gesellschaft der Freunde der Nationalbibliothek, traf sich mit ihren Freunden am liebsten auf einen Kaffee im Imperial, sammelte Tiere aus Porzellan von Manufakturen, deren Namen er noch nie gehört hatte, und hatte jedes Mal, wenn Florian sich mit ihr getroffen hatte, einen Hosenanzug getragen. Den anderen bei Locus amoenus Immobilien, die Frau Schneider noch nie gesehen hatten, beschrieb Florian sie mit einem einzigen Wort, das für ihn alles das, was er von ihr kannte, zusammenfasste, das Wort war: Stil. Er sprach es voller Stolz aus: Frau Schneider hatte den Stil, den man für Objekt Nummer 1 brauchte.
Schneider war übrigens einfach die wörtliche Übersetzung ihres ungarischen Nachnamens ins Deutsche. Nach der Scheidung von ihrem Mann wollte sie mit der Änderung der ganzen Lebensumstände auch gleich ihren Namen ändern. Florian war so neugierig gewesen, sie zu fragen, warum sie keinen ungarischen Namen trug.
Eszter Schneider war fast genauso alt wie er. Und gern hätte er sie einfach bei ihrem Vornamen genannt, auch weil ihm der Name Eszter so gut gefiel, aber das war unmöglich. Er war bloß ein Immobilienmakler.

Jetzt saß er im Auto. Im Anzug, mit weißem Hemd, gut gelaunt, rasiert, geduscht und kundenorientiert. Objekt Nummer 1 lag in einer Querstraße zur Hietzinger Hauptstraße. Er wollte rechtzeitig da sein, um allein nochmals durch das Haus zu gehen. Dieses kontrollieren, jenes kontrollieren, nachsehen, ob alles an seinem Platz war. Vielleicht ein Fenster öffnen. Eines unten und eines oben im ersten Stock. Luft und Licht in die Räume lassen. Die Zimmer verlockend machen, verführerisch, begehrenswert. Frau Schneider war bestimmt auch dieses Mal pünktlich. Bis jetzt war sie noch nie zu spät gekommen.
 

Ende des Textausschnitts

 

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