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Haus aus Steinen

© S. Fischer Verlag, Aufführungsrechte S. Fischer Verlag Theater & Medien
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Textausschnitt

PROLOG

Als am Morgen des ersten Tages zum

allerersten Mal die Sonne aufging

gab es auf der Erde genau so viele

Sandkörner wie Tautropfen so viele

Tannennadeln wie Eiszapfen so viel

Sonnenlicht wie Schatten der Wind blies nicht

zu stark und nicht zu schwach es regnete

aber nicht zu viel und wo es schneite

schmolz der Schnee bald wieder wo ein Feuer

wütete wurde der Boden bald wieder

fruchtbar es gab so viele grüne Täler

wie kahle Berge so viele Seen

wie trockene Wüsten so viele Höhlen

wie sonnenhelle Lichtungen im Wald

Alles war gleichmäßig und überall

gerecht verteilt auf der Erde herrschte

ein vollkommenes Gleichgewicht und das

eine lange Zeit bis etwas dieses

System aus dem Gleichgewicht brachte es

war nur eine Kleinigkeit im Vergleich

mit der Größe der Erde oder mit

der Größe eines Baumes war dieses

Etwas winzig es war ein einziger

Satz den ein Mensch zu einem anderen

sprach

Die beiden bauten aus Steinen ein Haus

sie legten einen Stein auf den anderen

und sie fluchten über die Anstrengung

die ihnen die Arbeit abverlangte

das ganze Leben war nichts als Mühsal

Als zu Mittag die Hitze am größten

war sagte eine Person zur anderen

Der gehört mir

Und die andere Person die nicht wusste

worauf sich die erste Person bezog

fragte Was gehört dir?

Dieser Stein gehört mir antwortete

die erste Person

Rund um sie lagen eine Menge Steine

der Ort war eine Steinwüste es gab

gar nichts anderes als Steine runde

längliche flache spitze manche so

groß wie Felsbrocken manche so klein wie

ein Stecknadelkopf

Dieser Stein gehört mir den gebe ich

nicht mehr her sagte die erste Person

Und als die andere Person in Lachen

ausbrach und sagte Das ist doch lächerlich

hier gibt es tausend Steine und noch mehr

hob die erste Person den Stein auf und

stemmte ihn in die Höhe so hoch sie

konnte und als die Sonne in ihren

Augen brannte und Schweiß über ihre

Stirn rann ließ sie den schweren Stein fallen

und zertrümmerte der anderen Person

den Kopf

Der Stein der eben noch so schön geglänzt

hatte sah jetzt grau und farblos aus und

die erste Person konnte sich nicht mehr

erinnern was ihr davor an diesem

Stein so gut gefallen hatte und sie

überlegte was jetzt zu tun war dann

kniete sie sich auf den Boden und grub

ein Loch und als das Loch groß genug war

legte sie den toten Körper hinein

und bedeckte ihn mit Erde danach

schichtete sie wieder einen Stein auf

den anderen bis das Haus fertig war

Es heißt dass es ein schönes Haus wurde

und dass die Person die es erbaut hatte

darin glücklich bis an ihr Lebensende

lebte

 

1

Im Haus von Helen und Phil.

 

HELEN  Ich mache mir einen Kaffee

möchtest du auch eine Tasse?

 

PHIL  Nein danke

 

HELEN  Eine große oder eine kleine Tasse?

 

PHIL  Nein danke

 

HELEN  Dann mache ich dir

eine große Tasse

 

PHIL  Nein danke

 

HELEN  Der Kaffee ist gleich fertig

 

PHIL  Warum hast du das Wort Kaffee eben so seltsam ausgesprochen?

 

HELEN  Was meinst du damit?

 

PHIL  Irgendwie anders

 

HELEN  Wie anders?

 

PHIL  Als würdest du etwas anderes damit meinen

 

HELEN  Was?

 

PHIL  Du hast es mit einer seltsamen Betonung ausgesprochen

 

HELEN  Nicht dass ich wüsste

 

PHIL  Du hast es auf der anderen Silbe betont

 

HELEN  Das habe ich nicht

 

PHIL  Ist irgendetwas passiert?

 

HELEN  Nein

 

PHIL  Irgendetwas?

 

HELEN  Was soll passiert sein?

 

PHIL  Dann gibt es auch keinen Grund

etwas so auszusprechen als wäre etwas passiert

 

HELEN  Ich habe Kaffee gesagt und Kaffee gemeint

 

PHIL  Du hast noch etwas mitgemeint als

wolltest du mir etwas sagen

 

HELEN  Trink einen Kaffee

du bist müde

Es war spät als wir nach Hause gekommen sind

 

PHIL  Es war nicht sehr spät

Wie spät war es?

 

HELEN  Du bist sofort ins Bett gegangen und

hast das Telefon mitgenommen

Du bist mit dem Telefon in der Hand eingeschlafen

 

PHIL  Das kann ich mir nicht vorstellen

Ist das wahr?

 

HELEN  Du hast es die ganze Nacht in der Hand gehalten

 

PHIL  Nicht mit Absicht

 

HELEN  Wer hast du gedacht ruft an?

 

PHIL  Niemand

Mitten in der Nacht ruft mich niemand an

 

HELEN  Hast du schon nachgesehen ob nicht doch jemand angerufen hat?

 

PHIL  Mir egal wenn jemand angerufen hat

mitten in der Nacht hebe ich ohnehin nicht ab

 

HELEN  Trink einen Kaffee

eine Tasse Kaffee bringt alles wieder ins Gleichgewicht

 

PHIL  Du sprichst das Wort Kaffee so aus als hätte ich irgendetwas getan

 

HELEN  Du trinkst doch sonst so viel Kaffee

den ganzen Tag auch zuhause

warum heute nicht einmal eine einzige Tasse?

 

PHIL  Heute einmal nicht

einfach ohne Grund

Braucht man für alles einen Grund?

 

HELEN  Trink eine Tasse

 

PHIL  Ich fühle mich gut ich bin nicht müde

auch wenn es spät war

Ich habe gestern nichts getrunken

dabei hätte es genug zu trinken gegeben aber

ich habe mich zurückgehalten

 

HELEN  Niemand macht dir einen Vorwurf

 

PHIL  Ich war vollkommen nüchtern

 

HELEN  Niemand macht jemandem einen Vorwurf wenn

er auf einer Feier etwas trinkt

Du hast zwei oder drei Gläser getrunken nicht mehr

das ist so gut wie nichts

Trotzdem habe ich vorgeschlagen dass ich mit dem Auto nach Hause fahre aber

du wolltest unbedingt selbst fahren

 

PHIL  Ich wollte mich entspannen

beim Autofahren kann ich mich entspannen

 

HELEN  Ich fahre viel öfter als du und

viel besser als du und

ich war weniger müde als du aber

du wolltest unbedingt selbst fahren und

um nicht mit dir zu streiten habe ich dir den Autoschlüssel gegeben

 

PHIL  Es ist ein gutes Gefühl nach einem anstrengenden Tag Auto zu fahren und

alles was an diesem Tag passiert ist vergessen zu können

 

HELEN  Du warst müde und unkonzentriert

 

PHIL  Ich kenne die Strecke auswendig ich

könnte sie mit verbundenen Augen fahren

 

HELEN  Du hättest mich fahren lassen sollen

 

PHIL  Dir wäre genau dasselbe passiert

 

HELEN  Ich hätte früher gebremst

 

PHIL  Ich habe nicht zu spät gebremst

die Straße war vollkommen leer

Warum hätte ich bremsen sollen?

 

HELEN  Die Straße war nicht vollkommen leer sondern

da war diese Person

 

PHIL  Ja plötzlich hinter der Kurve an der einzigen unübersichtlichen Stelle

ausgerechnet da als hätte

sie sich diese Stelle ausgesucht

 

HELEN  Du hast zu spät reagiert

 

PHIL  Ich bin sofort auf das Bremspedal getreten

niemand hätte schneller reagieren können als ich

 

HELEN  So etwas kann jedem einmal passieren

 

PHIL  Was meinst du mit so etwas?

 

HELEN  Niemand klagt dich an

 

PHIL  Warum sagst du das dann?

 

HELEN  Damit du weißt dass ich zu dir halte

 

PHIL  Du brauchst nicht zu mir zu halten wenn nichts passiert ist

 

HELEN  Im ersten Augenblick habe ich gedacht das war ein Tier

aus dem Wald dort kann jederzeit ein Reh auf die Straße springen

Rehe reagieren unberechenbar wenn sie von einem hellen Licht geblendet werden

anders als man es erwarten würde

 

PHIL  Wahrscheinlich war es auch ein Reh

 

HELEN  Du hättest stehen bleiben sollen

 

PHIL  Ich bin stehen geblieben

 

HELEN  Du hättest sofort stehen bleiben und nachsehen sollen

 

PHIL  Man kann nicht unmittelbar nach einer Kurve stehen bleiben

das wäre viel zu gefährlich

damit hätte ich uns selbst in Gefahr gebracht

 

HELEN  Du hast gesagt was immer es war da ist nichts mehr zu machen

nach so einem Zusammenstoß ist nichts mehr zu machen

da braucht man nicht nachzusehen

 

PHIL  Habe ich das gesagt?

 

HELEN  Du hast gesagt was immer es war da kommt jede Hilfe zu spät

 

PHIL  Jeden Tag in der Früh sage ich nach dem Aufwachen als allererstes zu mir

Heute beginnt ein neuer Tag

das habe ich heute in der Früh auch gesagt

heute beginnt ein neuer Tag

 

HELEN  Als ich heute aufgewacht bin habe ich als allererstes gedacht

Haben wir jemanden umgebracht?

 

PHIL  Das hast du gedacht?

 

HELEN  Kann man jemanden umbringen ohne dass man

jemals jemanden umbringen wollte?

 

PHIL  Wie kommst du auf so einen Gedanken?

So etwas habe ich noch nie gedacht

 

HELEN  Ist man dann schuld wenn der andere tot ist?

Ist man auch dann schuld wenn man es gar nicht wollte?

 

PHIL  Verrückter Gedanke

 

HELEN  Ich möchte nicht schuld am Tod von jemandem sein

 

PHIL  Niemand möchte das

 

HELEN  Ich möchte nicht schuld sein

 

PHIL  Verrückter Gedanke

 

2

Es läutet an der Tür. Helen öffnet. Vor der Tür steht Ina.

 

INA  Ich habe gesehen dass hier jemand zuhause ist

bei allen anderen Häusern in der Umgebung habe ich vergeblich geläutet

niemand zuhause oder niemand wollte öffnen

Entschuldigen Sie dass ich Sie störe aber

ich hatte einen Unfall

In der Nacht hat mich ein Auto niedergestoßen

auf der Landstraße nicht weit von hier

Sehen Sie ich zittere immer noch

sehen Sie wie meine Hand zittert

Ich bräuchte nur einen Kaffee dann hört das Zittern auf

Haben Sie vielleicht eine Tasse?

Nur wenn ich Sie nicht störe

eine Tasse Kaffee dann gehe ich wieder

ich will Ihnen keine Umstände bereiten

 

HELEN  Das tun Sie nicht

 

INA  Man läutet nicht einfach bei Fremden an der Tür und

bittet um einen Kaffee außer in einer Ausnahmesituation

 

HELEN  Das stimmt

 

INA  Eine Tasse Kaffee

in einer Ausnahmesituation

mehr brauche ich nicht mehr möchte ich auch nicht

ich bin nicht jemand der anderen Menschen auf die Nerven gehen will

 

Helen schenkt Ina eine Tasse Kaffee ein.

 

INA  Das ist freundlich von ihnen

Sie sind ein guter Mensch

nur gute Menschen laden fremde Menschen auf einen Kaffee ein

 

HELEN  Eine Tasse Kaffee ist nichts Besonderes

 

INA  Sie sprechen das Wort Kaffee seltsam aus

so habe ich es noch nie jemanden aussprechen gehört

 

HELEN  Wirklich?

 

INA  Kein Problem für mich

geht mich nichts an

 

PHIL  Ist der Kaffee noch heiß?

 

INA  Sehen Sie jetzt hat das Zittern schon fast aufgehört

 

HELEN  Das war die Aufregung

 

INA  Jetzt bräuchte ich nur noch ein Pflaster oder zwei

ich habe ein paar Schürfwunden hier und hier

vom Sturz

ich bin gestürzt oder besser gesagt durch die Luft geschleudert worden

wie ein Müllsack den man auf einen Abfallhaufen wirft

 

HELEN  Natürlich haben wir ein Pflaster

 

INA  Nur wenn es Ihnen keine Umstände bereitet

 

PHIL  Sie haben Glück gehabt

 

INA  Wobei?

 

PHIL  Sogar großes Glück

 

INA  Finden Sie?

 

PHIL  Ich bin froh dass Ihnen nicht mehr passiert ist

 

INA  Ich hätte tot sein können

es hat wahrscheinlich auch nicht viel gefehlt

nur ein paar Zentimeter glaube ich

ein paar Zentimeter mehr rechts oder links und

ich stünde jetzt nicht hier

 

PHIL  Haben Sie das Auto das Sie niedergestoßen hat gesehen?

Würden Sie es wiedererkennen?

Haben Sie die Nummerntafel lesen können?

 

INA  Nichts

es war doch mitten in der Nacht und

die Straße ist nicht beleuchtet

 

PHIL  Haben Sie die Automarke erkannt?

Oder die Farbe des Autos?

 

INA  Gar nichts

 

PHIL  Dann werden Sie den Fahrer oder die Fahrerin auch nie finden

 

INA  Glauben Sie?

 

PHIL  Aussichtslos

 

INA  Hauptsache ich lebe noch

 

PHIL  Das ist die Hauptsache

 

Ende des Textausschnitts