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Einmal satt, einmal tot, einmal gesellig

Bernd Braun in „Einmal satt, einmal tot, einmal gesellig“ am Ufer des Rheins in Konstanz, 2000 (Foto: P. Pfeiffer)

© S. Fischer Verlag, Aufführungsrechte S. Fischer Verlag Theater & Medien
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Textausschnitt

Am Ufer eines Kanals. Im Zentrum der Stadt. Die gemauerte Uferpromenade bildet eine langgestreckte, freie Fläche. Die erste Assoziation ist die eines leeren Parkplatzes. Nur wenige, einzeln stehende Bäume, Platanen und Pappeln. Mit dem Stolz und dem Überblick von Wachtürmen. Am Fuß der hohen Kaimauer, die die Promenade gegen die Stadt hin abschirmt, wachsen Büsche. An der Mauer führt eine Treppe hinauf. Eine andere Treppe, eine viel kürzere, führt von der Promenade zum Wasser hinunter. Nahe am Kanal sind Parkbänke aufgestellt. Hier kann man sich niedersetzen und über dem anderen Ufer die Prozession der großen Schachteln betrachten. Das Wasser ist dick und bernsteinfarben. Gleich dem Licht an diesem Nachmittag. Manchmal fallen Geräusche von der Stadt oben in die Schlucht herunter.

1

Roland steht nahe am Wasser, er spricht über den Kanal hinweg zum anderen Ufer, zur Stadt.

ROLAND Man sagt, du befindest dich zu jedem Zeitpunkt vor allen deinen Möglichkeiten. Du hast Möglichkeiten, du mußt sie nur ergreifen. Das Leben lebt in einem Haus mit offenen Türen. Die Zehenspitzen ruhen immer auf der Schwelle zum Ausgang. Man braucht nur loszugehen. Und man hat die Freiheit sich die Richtung zu wählen. Man kann sich gleichsam aus dem Stand heraus in die Freiheit katapultieren. Man hat die Freiheit sich für die Freiheit zu entscheiden. Wie einleuchtend das klingt. Man sagt, die Möglichkeiten liegen vor dir wie Kieselsteine. Du mußt dich nur danach bücken. Die Freiheit ist nur einen Schritt von dir entfernt. Sie atmet dich an. Aber, was man niemals sagt, ist, daß dieser winzige Abstand zu ihr nicht überwunden werden kann. Um zu ihr zu kommen, muß man das Millimetermeer durchschwimmen. Was einem niemals gelingen kann, weil die Freiheit den Schwimmer auf den Grund des Ozeans zieht. Man sagt einfach Möglichkeiten und Freiheit und meint damit die Wasserleichen. Ich mache mir keine Illusionen. Bin ich ein Idiot? Wer an Möglichkeiten glaubt, kann sich gleich ins Leichenschauhaus begeben. Ich meine, Alltag, Existenz, Geld, Gedanken, alles. Vor deiner Tür steht eine fertiggestellte Welt. In einem Stück gegossen, poliert, ohne einen Riß. Da ist kein Platz vorgesehen für Möglichkeiten. Du stehst auf. Am Morgen. Am Nachmittag. Der Schlaf erwacht unausgeschlafen. Du steigst in das Hosenleben des Tages. Du steckst den Kopf in den Plastiksack mit dem Sonnenlicht. Man soll sich eine Arbeit suchen und acht Stunden mit ihr verbringen. Man kommt nicht gratis zur Welt. Das hier ist kein Zoo, wo man pünktlich und umsonst gefüttert wird. Du wäscht dich unter den Achseln und schlägst nicht mit dem Kopf gegen den Badezimmerspiegel. Nur Verrückte wollen auf sich aufmerksam machen. Leben heißt sich in die Hand nehmen und sich nicht fallen lassen. Niemand will deine Scherben zusammenkehren. Ich bin ein Mensch im Ablauf der Menschenzeit. Ich bin eingegliedert. Wenn du funktionierst, funktioniert auch die Welt mit dir. Die Tomaten sind in ihren Dosen zuhause. Ich meine, du trittst hinaus und die Welt wird dir über den Körper gestülpt. Sie hat genau deine Größe. Die Paßform garantiert Geborgenheit. Wer nicht zufrieden ist in seiner Geborgenheit, gehört sofort erschlagen. Du gehst in die Stadt. Warum eigentlich? Du willst nicht ausgeschlossen sein. Du gehörst doch zu allem irgendwie dazu. Deine Familie steht um dich, auf ihren tausend Beinen aus Stahlbeton. Du denkst, das wird halten, das wird dauern. So eine Stadt ist keine Sanddüne. Die Stadt ist permanente und eifrige Gegenwart. So eine Art körperinnerer Fernseher. Das Leben erledigt hier konzentriert seine Geschäfte. Wer produziert, produziert Sinn. Glück ist den anderen beim Glück zuzusehen. Eintauchen und Aufgehen und für Momente gedankenlos sein. So schöne bewegliche Menschen. Ist das eigentlich Import oder Fälschung? Man möchte sich hinlegen und allen unter die Hosenbeine sehen. Wie funktioniert das Vorwärtskommen? Ich meine, Gesellschaft, Ordnung, Überleben? Sich aufrichten, gerade halten und sich sicher zeigen. Du denkst, warum bringe ich nicht jemand um? Warum erschlage ich nicht einmal die Kassiererin im Supermarkt? Du fährst mit der Zunge über deine Amalgamplomben. Wie gut es alle mit sich haben. Und wie gut sie es miteinander haben. Mitleid und Verständnis sind immer zur Stelle. Um nichts braucht man sich Sorgen zu machen. Du erbrichst auf den Gehsteig und ißt das Erbrochene wieder auf. Nur nichts verkommen lassen. Alles hinunterschlucken und es wird für immer schönes Wetter sein. Mit einem Mal, in deiner Vermummtheit, im stillen, geregelten Verkehr mit dir, steigt dir eine Geilheit auf. Irgendwie triumphierend. Das Körpergedächtnis macht Meldung. Warum? Es gibt doch dafür keinen Grund. Nichts. Du hast ein leeres, kaltes Zeichen. Du gehst wieder nach Hause. Um zu onanieren. Um in der Küche abzuwaschen. Wer dir beim Onanieren zusehen wird, sind die Fische im Aquarium. Du denkst, die können nicht reden. Mit ihnen habe ich ein Geheimnis. Niemand wird davon erfahren. Du denkst, wenn du fertig bist, wirst du aufstehen und beim Fenster hinuntersehen. Wann wird da unten einmal etwas passieren?

2

Thomas und Sabine, die einen Spaziergang machen. Sie bleiben vor den Stufen stehen, die zum Wasser hinunterführen.

THOMAS Ich habe Pläne gemacht.

SABINE Was für welche Pläne?

THOMAS Die unsere Zukunft betreffen.

SABINE Unsere gemeinsame Zukunft?

THOMAS Ich habe viel nachgedacht. Das Zukünftige muß in eine Form gebracht werden. Was vor uns liegt, Sabine, braucht eine feste Form.

SABINE Wie sehen sie denn aus deine Pläne? Erzählst du mir davon?

THOMAS Ich habe ein Fundament errichtet. Damit man auf festen Boden tritt, wenn die Zukunft begonnen hat.

SABINE Bist du dir denn in allem sicher? In allem jetzt hier? Über uns?

THOMAS Ich bin mir sicher.

SABINE Man denkt so schnell. Wie leicht überholt man die Zeit. Man ist bei der Zukunft angekommen und schon gibt es die Gegenwart nicht mehr.

THOMAS Ich bin mir aber sicher.

SABINE Daß unsere Hände, unsere Füße zueinander passen? Daß wir Zwillinge sind in allen Gefühlen? Und daß wir schon ein Recht darauf haben an die Zukunft zu denken?

THOMAS Ich habe alles Zukünftige schon durchdacht. Was ich mir vornehme, bringe ich auch zu Ende. Wenn ich eine Sache zu denken beginne, wird sie auch fertiggedacht. Ich habe eine genaue Vorstellung. Zukunft ist doch erst Zukunft, wenn man eine Vorstellung hat von ihr.

SABINE Aber vielleicht ist es dafür noch zu früh?

THOMAS Wie kann es denn jemals zu früh sein, sich Gedanken zu machen über eine notwendige und praktische Ordnung? Möchtest du in ein Haus eintreten mit schiefen Wänden und Löchern im Boden?

SABINE Und wenn das Haus dann über einem zusammenbricht, weil es in aller Eile und vielleicht zur falschen Jahreszeit gebaut worden ist?

THOMAS Ich möchte kein Träumer sein. Ich möchte die Zukunft realistisch sehen. Ordnung, Sabine, Ordnung. Nichts ist ohne seine Ordnung. Gerade die Zukunft nicht. Sie braucht doch eine Ordnung, in der die Zahnräder der Tage ineinandergreifen können und Harmonie ist und Verständnis. Und vor allem Gemeinsamkeit, die nur innerhalb einer Ordnung existieren kann. Wir werden unsere Zukunft betreten und glücklich sein.

SABINE Ich bin aber auch jetzt glücklich mit dir.

THOMAS Das Anfangsglück mußt du dir bewahren als Erinnerung. Wir werden einmal ein größeres und zufriedeneres Glück haben.

SABINE Ich habe mir vorgestellt, daß man in alles zukünftige Glück hineinwächst. Man wächst, man läßt sich zurück und wächst mit dem anderen zu einer Gemeinsamkeit zusammen. Und langsam und nebenbei ordnet sich alles von selbst.

THOMAS Von selbst ordnet sich gar nichts. Ordnung muß geschaffen werden. Der Sinn ist doch, daß Ordnung geschaffen wird. Damit alles auf seinen Platz zu stehen kommt und alles seine richtige Bedeutung erhält. Und erst aus der Ordnung heraus finden die Zukunft und das gemeinsame Leben zu ihrer Bestimmung.

SABINE Und was ist ihre Bestimmung?

THOMAS Die Ruhe.

SABINE Und wenn die Zukunft aber ihre eigene Ordnung haben will und uns gar nicht nach unserer Meinung fragt? Wenn die eigensinnige Zukunft vielleicht niemals zu ihrer Ruhe kommen will? Wenn also auch keine Ruhe vorgesehen ist für uns? Man schmiedet doch Gemeinsamkeit, wenn man gemeinsam stolpert und sich gegenseitig wieder auf die Beine hilft. Eine Ordnung kann sich jeder auch für sich alleine schaffen.

THOMAS Du machst dir zu viele Sorgen. Du beunruhigst dich. Du wirst überrascht sein, wie gut alles funktionieren wird.

SABINE Ich habe Angst und ich habe keine Angst.

THOMAS Du brauchst dich vor nichts zu fürchten.

SABINE Und wenn etwas geschieht, das nicht geschehen darf?

THOMAS Wir haben eine Zukunft. Auf die wir zugehen können. Wer soll uns daran hindern?

SABINE Sollen die anderen ruhig über unser Glück lachen.

THOMAS Niemand wird unser Glück sehen können.

SABINE Ich vertraue dir.

THOMAS Du wirst mir dankbar sein.

SABINE Für die Ordnung, durch die wir die Gemeinsamkeit leben können.

THOMAS Und für die Freiheit.

SABINE Die nur aus der Ordnung heraus möglich ist.

THOMAS Ich habe schon die ganze Wohnung eingerichtet.

SABINE Ich werde für dich kochen.

THOMAS Auch ich werde kochen.

SABINE Hast du auch an den Geschirrspüler gedacht?

THOMAS Selbstverständlich.

3

Ein anderes Paar, Walter und Waltraud, ebenfalls beim Spaziergang. Ihre Kleidung verrät, daß sie am Abend ausgehen werden.

WALTER Ich verspreche es dir. Wirklich, ich verspreche es dir.

WALTRAUD Was?

WALTER Wenn du heute wieder damit anfängst.

WALTRAUD So? Womit?

WALTER Heute machst du das nicht. Das schwöre ich dir.

WALTRAUD Sagst du mir auch, was du meinst?

WALTER Wer bezahlt alles? Ich frage dich, wer bezahlt alles? Ich lasse mich nicht lächerlich machen für mein Geld.

WALTRAUD Warum sollst du lächerlich sein?

WALTER Einmal werde ich dich erschlagen.

WALTRAUD Ich glaube, ich habe dir dazu noch niemals einen Grund gegeben.

WALTER Heute wirst du die Karte lesen. Und wenn du jemand fragen willst, dann frage mich. Ich sitze neben dir und ich bezahle. Aber ich bezahle nicht dafür, daß sich der Kellner über mich lustig macht.

WALTRAUD Ich werde doch den Kellner etwas fragen dürfen.

WALTER Sich etwas empfehlen lassen. Hältst du mich für dumm und blind? Ich kenne in der Zwischenzeit diese komischen Spiele. Am besten verschwindest du gleich mit ihm auf das Klo. Dort kann er dir etwas empfehlen. Den Kopf müßte man dir abschlagen in dem Moment.

WALTRAUD Und wenn ich mich nicht entschließen kann?

WALTER Dann fragst du mich. Mit wem sitzt du beim Essen? Etwa mit dem Kellner? Was glaubst du, wieviel ein Kellner verdient? Der kann dir nicht einmal den ersten Gang bezahlen. Mich fragst du. Nur mich. Sonst sind wir das letzte Mal essen gegangen.

WALTRAUD Also gut. Wenn dir das so wichtig ist. Ich frage ausschließlich dich.

WALTER Du unterhältst dich mit mir und mit sonst niemandem. Ich bezahle nicht für die Unterhaltung anderer.

WALTRAUD Aber du kennst auch nicht alle Gerichte auf der Karte.

WALTER Ich kenne, was mir schmeckt. Und darunter wird sich auch etwas für dich finden lassen. Werde nicht plötzlich anspruchsvoll. Denk daran, daß es dich nichts kostet. Und versuche nicht, mir den Abend zu verderben.

WALTRAUD Am liebsten würde ich jedes Mal etwas anderes essen. Immer etwas neues ausprobieren.

WALTER Wozu soll das gut sein?

WALTRAUD Ich habe eben mehrere Interessen. Man muß sich das Leben abwechslungsreich gestalten.

WALTER Ich kenne deine Interessen. Ein ordentlich sättigendes Abendessen reicht dir nicht. Anstatt daß du dankbar bist. Ordentlich dankbar. Dafür, daß du satt werden darfst. Dankbarkeit. Hast du denn überhaupt keine Scham?

WALTRAUD Ich nehme heute einmal einen Lachs.

WALTER Lachs schmeckt dir doch nicht. Nimm einen Braten.

WALTRAUD Selbstverständlich schmeckt mir Lachs. Sogar am meisten.

WALTER Ich bezahle nicht dafür, daß du die Hälfte stehen läßt. Wie kommst du auf die Idee einen Fisch zu essen? Mit Fisch kann man mich jagen. Außerdem haben Fische unverschämte Preise.

WALTRAUD Daß du dich plötzlich dafür interessierst. Du würdest selbst gekochte Strümpfe essen, wenn sie nur genug kosten.

WALTER Glaubst du, ich will mich lächerlich machen? Wer sich nicht das Teuerste leisten kann, bleibt besser zu Hause.

WALTRAUD Ich probiere einmal einen Lachs.

WALTER Du ißt einen Braten.

WALTRAUD Wenn mir der Kellner einen Lachs empfiehlt, dann esse ich einen.

WALTER Wenn du mich reizen willst. Ich schwöre dir. Ich habe eine hohe Schwelle, aber danach kommt bei mir der Schlachthof.

WALTRAUD Hast du vielleicht vor mich vor dem Kellner zu schlagen?

WALTER Wenn es sein muß.

WALTRAUD Dann wird der Kellner wirklich einen Grund haben zu lachen. Und du wirst das Lächerlichste sein.

WALTER Dann erst wirst du Dankbarkeit lernen. Demütige Dankbarkeit für einen vollen Magen.

WALTRAUD Walter, warum müssen wir uns das Abendessen schon Stunden vorher verderben? Ich möchte mich darauf freuen können. Mein Geschmackssinn ist eigentlich schon bei Tisch.

WALTER Man arbeitet, um sich etwas leisten zu können. Ich will mein Geld ja nicht zu Hause verbrennen. Wer arbeitet, hat sich etwas verdient. Wer arbeitet, hat Rechte. Also kann ich Forderungen stellen. Ich darf mich bedienen. Wenn mir einer in den Teller greift, hacke ich ihm die Finger ab. Die Welt kostet und man muß bezahlen können. Dann wird dir die Welt aber auch schön den Tisch decken. Zugreifen und zufrieden sein. Man hat sich leer gearbeitet und der Sack will wieder gefüllt werden. Ein einfacher Kreislauf. Abgabe und Zufuhr von Energie. Die Körperbedürfnisse bestimmen die Ordnung der Welt. Und warum eigentlich, glaubst du, lade ich dich ein Mal in der Woche zum Essen ein? Damit du den Kellner anstarrst? Der Mensch ist ein Gemeinschaftsvieh. Er will in Gemeinschaft fressen. Das steht ihm zu, wenn er es sich leisten kann. Ich bin keine Einzelhaft. Ich habe ein Recht auf Gemeinschaft. Halte einfach deinen Mund, wenn wir essen, und wir werden in einer gemeinschaftlichen Ruhe sein und einen Frieden haben auf dem Tisch. Warum bestellst du dir nicht heute ein Huhn? Huhn ist leicht und es ist sauber. Vielleicht esse ich selbst ein Huhn.

WALTRAUD Huhn ist billig. Ein Huhn kann ich auch zu Hause essen.

WALTER: Wir essen beide das gleiche. Dann brauchen wir keine Diskussionen zu führen.

WALTRAUD Aber du wirst nicht immer über meine Lust bestimmen.

WALTER Ein gemeinsames Abendessen soll ein Vergnügen sein.

WALTRAUD Ein gemeinsames Vergnügen.

WALTER Ich möchte dir einen schönen Abend bereiten.

WALTRAUD Das möchte ich auch.

WALTER Der Hunger wartet schon den ganzen Tag auf den Abend.

WALTRAUD Jetzt dauert es nicht mehr lang.

WALTER Hast du deine Füße gewaschen?

WALTRAUD Warum?

WALTER Gehen wir. Ich möchte noch spazierengehen.

4

Roland steht wieder an derselben Stelle wie zuvor. Richard, auf den er nun schon lange gewartet hat, ist gekommen und er steht jetzt neben ihm.

RICHARD Bin ich nun da oder nicht? Hast du schon gedacht, ich lasse dich im Stich?

ROLAND Ich glaube, Nachmittage sind irgendwie nicht meine Sache.

RICHARD Nicht deine Sache? Ich komme und bin die Energie und du jammerst.

ROLAND Nachmittage zögern nur alles hinaus.

RICHARD Ist doch wunderbar. Alles ist noch unentschieden. Man macht Pläne. Spürst du nicht, wie die Luft vibriert, weil sie neugierig ist?

ROLAND Der Nachmittag hat für mich keine Himmelsrichtungen. Ich kann mich viel besser in der Nacht orientieren.

RICHARD Gib zu, du bist erst vor kurzem aufgestanden. Und mit dem linken Fuß in den rechten Schuh geschlüpft.

ROLAND Was werden wir unternehmen?

RICHARD Mach dich zuerst munter.

ROLAND Bin ich schon.

RICHARD Ich werfe dich am besten in den Kanal. Dann bist du ausgedämmert.

ROLAND Mach dir keine Mühe.

RICHARD Aber ich mache mir Sorgen.

ROLAND Worüber?

RICHARD Ich höre, wie da jemand mit den Fingern auf seiner Ausgeglichenheit trommelt.

ROLAND Ich bin nicht unruhig.

RICHARD Bist du aber.

ROLAND Aus welchem Grund denn? Der Himmel ist oben und auf uns wartet der Abend. Die Stadt ist nervös.

RICHARD Die Stadt ist wie immer. Gleichgültig. Was soll sie sonst sein?

ROLAND Man hat den Eindruck, sie reibt sich die Hände. Sie grinst. Sie freut sich. Sie scheint sich auf etwas vorzubereiten.

RICHARD Ich sage dir, dieser Stadtbeton atmet freier als wir. Und weißt du warum? Du mußt mit ihm zurecht kommen, nicht umgekehrt. Ignoriere, was dich ignoriert.

ROLAND Du denkst, das Nachdenken kommt dem Ganzen schon irgendwann näher. Du denkst und wartest und währenddessen kommuniziert die Stadt prächtig mit deinem Körper. Da gibt es ähnliche Interessen und Bedürfnisse. Dein Körper geht in die Stadt und die beiden verstehen sich. Auf der Basis von Angebot und Nachfrage. Die leben in Austausch und Harmonie, während dein Geist langsam den Geist aufgibt.

RICHARD Also ich habe nicht die Absicht irgend etwas aufzugeben. Im Gegenteil. Wir werden uns jetzt aktivieren.

ROLAND Uns einmal Strom einleiten.

RICHARD Unserer schläfrigen Existenz einen Elektroschock verpassen.

ROLAND Es ist gut, daß du gekommen bist.

RICHARD Wer will schon allein von der Brücke springen.

ROLAND Nein, das macht allein kein Vergnügen.

RICHARD Der Nachmittag scheint wirklich nicht deine Zeit zu sein.

ROLAND Also?

RICHARD Ist heute unser Tag?

ROLAND Man wartet auf uns. Damit wir einmal die Ruhe aus der Ruhe bringen.

RICHARD Womit fangen wir an?

ROLAND Die Stadt wird sich mit uns beschäftigen müssen.

RICHARD Der Beton wird die Augen aufreißen.

ROLAND Wenn wir uns lebendig machen.

RICHARD Zuallererst aber möchte ich am Abend essen gehen.

ROLAND Und danach?

RICHARD Unterhaltung. Aber hundertprozentige Unterhaltung.

ROLAND So hundertprozentig wie eine Handgranate in der Hand.

RICHARD Stell dir vor, einer stellt sich deiner Unterhaltung in den Weg.

ROLAND Ja. Und steht eingebildet fest auf dem Boden.

RICHARD Steht einfach am falschen Platz.

ROLAND Und merkt das gar nicht.

RICHARD Kaltmachen.

ROLAND Den Herd abstellen.

RICHARD Das Licht abdrehen.

ROLAND Tür zu für das Leben.

RICHARD Dazu hätte ich Lust.

ROLAND Wer soll einen daran hindern?

RICHARD Man hat doch ein Recht darauf warm zu werden.