Wohlstand durch Depressionen

In der "Zeit" vom 11. November 2010 schreibt Boris Groys am Ende seines mit "The American Way of Scheitern" betitelten Artikels: "In der aktuellen Phase des Kapitalismus erkennt man in der erotischen und sozialen Frustration die einzig verbliebene ökonomische Kraft." Ja, aber kann es uns nicht egal sein, ob die Antriebskräfte der Ökonomie positiv oder negativ gefärbt sind? Wie die Kunst ist die Ökonomie ständig auf der Suche nach Energien, mit denen sie ihre Maschinen heizen kann, und es ist ihr bestimmt gleich, aus welchen Ecken sie diese Energien bezieht. Aber schon klar, dass wir es lieber sehen würden, wenn der Wohlstand durch heitere Lust und wolkenlosen Himmel hervorgebracht wird statt durch Depressionen. Möglich, dass der sogenannte homo oeconomicus ein fettleibiges, tablettensüchtiges, ewig unglückliches Wesen ist, dessen Sehnsucht nach sozialem Aufstieg uns als Gesamtheit aber freier, glücklicher und satter macht. Das macht das Ganze zwar nicht sympathischer, aber endlich ein bisschen durchschaubarer. Niemals nachlassende Vitalität und grenzenloser Optimismus sind schwerer zu begreifen und zu akzeptieren als das tägliche jämmerliche Scheitern.

14/11/2010

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