MANAGEMENT DES GROSSEN GEFÜHLS
Wir laufen mit unserer Interessenspolitik durch die Stadt und am Abend betreten wir eine Bar und fragen nach einem Zaubertrank. So etwas hätten wir gern, so einen Zaubertrank, so einen Stoff, der Träume schafft. Das heißt, der Realität schafft, wie wir sie uns erträumen. So eine Verwandlung hätten wir gern. Wir würden gern verwandelt werden. Behandelt und verwandelt. Aber selbstverständlich gibt es das nicht. Wir werden jedes Mal wieder abgewiesen, wir hätten es wissen müssen, wir wissen es doch. Es gibt keinen Zaubertrank. Es gibt kein anderes Leben, das sich aus einem Glas trinken lässt. Der Zaubertrank soll selbstverständlich ein Liebestrank sein. Aber wieder. Es gibt keinen Liebestrank. Einen Liebestrank kann man nicht bestellen. Auch wenn man noch so darum bettelt. So etwas gibt es nicht. Ist nicht lieferbar. Der Durst nach einem Liebestrank wird nicht gestillt. Und wie die Fragerei danach einem schon auf die Nerven geht. Die Liebe ist keine Zange mit orangefarbenen Griffen, die jedes Problem zu fassen kriegt. Wir wollen verwandelt werden, aber nur für kurz. Wir wollen eine Verwandlung mit eindeutigem Anfang und Ende. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass alles nach einer bestimmten Zeit wieder ein Ende hat. Wir wollen kleine Portionen. Portionen, die uns nicht lange im Magen liegen und den Körper schnell wieder verlassen. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass eine Torte in Tortenstücke eingeteilt ist, und dass auf allen Lebensmitteln ein Ablaufdatum steht. Ich will nicht, dass die Marmelade, die ich heute morgen gekauft habe, kein Ablaufdatum hat, und dass sie mich überleben könnte, das wäre mir nicht recht, das würde mich deprimieren. Wir müssen immer um den Tod herum, wie ein Segler um die Boje. Tristan und Isolde fahren geradewegs darauf zu. (aus: "Management des grossen Gefühls", zu Tristan und Isolde)
12/03/2011