DEIN ANTEIL AN DER BEUTE IST EIN TOTES PFERD

Sie haben gesagt, dass ich Ihnen gefalle. Und Sie haben gesagt, dass Sie mich begehren. Sie haben mich gebeten, mich hinzulegen und die Augen zu schließen. Dann sind Sie in mich eingedrungen und haben mich privatisiert. Sie haben mich so lange privatisiert, bis mir Hören und Sehen verging und ich nicht mehr wusste, wer ich war. Sie haben zu mir gesagt, dass ich Ihnen vertrauen und Ihnen Tür und Tor öffnen soll. Sie haben verlangt, dass ich mich Ihnen völlig hingeben soll, denn nur so können Sie, haben Sie mir erklärt, mit Ihrer Strategie erfolgreich sein. Sie sind in mich eingedrungen und haben mich neu aufgestellt. Sie haben mein Produktprogramm ausgedehnt und mich diversifiziert. Sie haben mich auf mehrere Standorte aufgeteilt. Sie haben mich über die ganze Welt verstreut. Sie haben Teile von mir verkauft und dann wieder irgendwo etwas für mich dazu gekauft. Ich bin in neue Märkte eingedrungen. Ich bin gewachsen und dann wieder geschrumpft. Ich wurde größer und dann wieder kleiner. Alles nur zu meinem Vorteil, haben Sie mir erklärt. Sie haben sich viel für mich ausgedacht. Sie sind ja sehr kreativ. Sie sind jemand mit tausend Ideen. Wenn Sie einmal eine Idee abwerfen, wächst an Ihrem Kopf sogleich eine neue nach. Sie hören niemals auf, einfallsreich zu sein. Sie haben mich so lange verändert, bis ich jemand anderes oder gar niemand mehr war und ich nicht mehr wusste, was ursprünglich mein Zweck gewesen ist. Das alles habe ich für Sie getan. Und jetzt sind Sie erst nicht mit mir zufrieden. (aus: "Dein Anteil an der Beute ist ein totes Pferd", ein Text für eine Rauminstallation mit der Gruppe G.R.A.M. im Stadtmuseum Graz)

11/12/2011

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