DEIN ANTEIL AN DER BEUTE IST EIN TOTES PFERD
Sie haben gesagt, dass ich Ihnen gefalle. Und Sie haben gesagt, dass Sie mich begehren. Sie haben mich gebeten, mich hinzulegen und die Augen zu schließen. Dann sind Sie in mich eingedrungen und haben mich privatisiert. Sie haben mich so lange privatisiert, bis mir Hören und Sehen verging und ich nicht mehr wusste, wer ich war. Sie haben zu mir gesagt, dass ich Ihnen vertrauen und Ihnen Tür und Tor öffnen soll. Sie haben verlangt, dass ich mich Ihnen völlig hingeben soll, denn nur so können Sie, haben Sie mir erklärt, mit Ihrer Strategie erfolgreich sein. Sie sind in mich eingedrungen und haben mich neu aufgestellt. Sie haben mein Produktprogramm ausgedehnt und mich diversifiziert. Sie haben mich auf mehrere Standorte aufgeteilt. Sie haben mich über die ganze Welt verstreut. Sie haben Teile von mir verkauft und dann wieder irgendwo etwas für mich dazu gekauft. Ich bin in neue Märkte eingedrungen. Ich bin gewachsen und dann wieder geschrumpft. Ich wurde größer und dann wieder kleiner. Alles nur zu meinem Vorteil, haben Sie mir erklärt. Sie haben sich viel für mich ausgedacht. Sie sind ja sehr kreativ. Sie sind jemand mit tausend Ideen. Wenn Sie einmal eine Idee abwerfen, wächst an Ihrem Kopf sogleich eine neue nach. Sie hören niemals auf, einfallsreich zu sein. Sie haben mich so lange verändert, bis ich jemand anderes oder gar niemand mehr war und ich nicht mehr wusste, was ursprünglich mein Zweck gewesen ist. Das alles habe ich für Sie getan. Und jetzt sind Sie erst nicht mit mir zufrieden. (aus: "Dein Anteil an der Beute ist ein totes Pferd", ein Text für eine Rauminstallation mit der Gruppe G.R.A.M. im Stadtmuseum Graz)
11/12/2011
MANAGEMENT DES GROSSEN GEFÜHLS
Wir laufen mit unserer Interessenspolitik durch die Stadt und am Abend betreten wir eine Bar und fragen nach einem Zaubertrank. So etwas hätten wir gern, so einen Zaubertrank, so einen Stoff, der Träume schafft. Das heißt, der Realität schafft, wie wir sie uns erträumen. So eine Verwandlung hätten wir gern. Wir würden gern verwandelt werden. Behandelt und verwandelt. Aber selbstverständlich gibt es das nicht. Wir werden jedes Mal wieder abgewiesen, wir hätten es wissen müssen, wir wissen es doch. Es gibt keinen Zaubertrank. Es gibt kein anderes Leben, das sich aus einem Glas trinken lässt. Der Zaubertrank soll selbstverständlich ein Liebestrank sein. Aber wieder. Es gibt keinen Liebestrank. Einen Liebestrank kann man nicht bestellen. Auch wenn man noch so darum bettelt. So etwas gibt es nicht. Ist nicht lieferbar. Der Durst nach einem Liebestrank wird nicht gestillt. Und wie die Fragerei danach einem schon auf die Nerven geht. Die Liebe ist keine Zange mit orangefarbenen Griffen, die jedes Problem zu fassen kriegt. Wir wollen verwandelt werden, aber nur für kurz. Wir wollen eine Verwandlung mit eindeutigem Anfang und Ende. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass alles nach einer bestimmten Zeit wieder ein Ende hat. Wir wollen kleine Portionen. Portionen, die uns nicht lange im Magen liegen und den Körper schnell wieder verlassen. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass eine Torte in Tortenstücke eingeteilt ist, und dass auf allen Lebensmitteln ein Ablaufdatum steht. Ich will nicht, dass die Marmelade, die ich heute morgen gekauft habe, kein Ablaufdatum hat, und dass sie mich überleben könnte, das wäre mir nicht recht, das würde mich deprimieren. Wir müssen immer um den Tod herum, wie ein Segler um die Boje. Tristan und Isolde fahren geradewegs darauf zu. (aus: "Management des grossen Gefühls", zu Tristan und Isolde)
12/03/2011
Wohlstand durch Depressionen
In der "Zeit" vom 11. November 2010 schreibt Boris Groys am Ende seines mit "The American Way of Scheitern" betitelten Artikels: "In der aktuellen Phase des Kapitalismus erkennt man in der erotischen und sozialen Frustration die einzig verbliebene ökonomische Kraft." Ja, aber kann es uns nicht egal sein, ob die Antriebskräfte der Ökonomie positiv oder negativ gefärbt sind? Wie die Kunst ist die Ökonomie ständig auf der Suche nach Energien, mit denen sie ihre Maschinen heizen kann, und es ist ihr bestimmt gleich, aus welchen Ecken sie diese Energien bezieht. Aber schon klar, dass wir es lieber sehen würden, wenn der Wohlstand durch heitere Lust und wolkenlosen Himmel hervorgebracht wird statt durch Depressionen. Möglich, dass der sogenannte homo oeconomicus ein fettleibiges, tablettensüchtiges, ewig unglückliches Wesen ist, dessen Sehnsucht nach sozialem Aufstieg uns als Gesamtheit aber freier, glücklicher und satter macht. Das macht das Ganze zwar nicht sympathischer, aber endlich ein bisschen durchschaubarer. Niemals nachlassende Vitalität und grenzenloser Optimismus sind schwerer zu begreifen und zu akzeptieren als das tägliche jämmerliche Scheitern.
14/11/2010