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Dem Herz die Arbeit, den Händen die Liebe

„Dem Herz die Arbeit, den Händen die Liebe“ an den Vereinigten Bühnen Bozen, 2010, Regie: Monika Steil (Foto: Hermann Maria Gasser)

© S. Fischer Verlag, Aufführungsrechte S. Fischer Verlag Theater & Medien
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Textausschnitt

1

In Sollmanns Büro. Ein heller Raum mit einer Fensterfront. In der Mitte ein sehr großer Schreibtisch mit einem Schreibtischsessel aus schwarzem Leder, an der Wand ein schmaler Aktenschrank, ein Barschrank und mehrere Besucherfauteuils ebenfalls aus Leder.

SOLLMANN Siebzigtausend Quadratmeter. Reine Verkaufsfläche.

HERBERT Weiß ich.

SOLLMANN Siebzigtausend Quadratmeter.

HERBERT Ja.

SOLLMANN Wir brauchen nur mehr die Hand aufzuhalten. Hand auf und die nächsten Jahre scheißen uns Gold hinein.

HERBERT Hoffentlich.

SOLLMANN Eine Milliarde Umsatz.

HERBERT Prognostiziert.

SOLLMANN Verläßlich, Herbert. Verläßlich.

HERBERT Einhundert. Vergiß das nicht.

SOLLMANN Hervorragend investiert.

HERBERT In ein riskantes Unternehmen.

SOLLMANN In ein großartiges Projekt.

HERBERT Einhundert, Gerhard.

SOLLMANN Ja. Einhundert.

HERBERT Vergiß das nicht.

SOLLMANN Und was habe ich dir versprochen?

HERBERT Zwölf Prozent.

SOLLMANN In zwei Jahren.

HERBERT In zwei Jahren.

SOLLMANN Vielleicht sogar fünfzehn.

HERBERT Auf keinen Fall unter zwölf.

SOLLMANN Garantiert.

HERBERT Und wenn es eine Investitionsruine wird?

SOLLMANN Wir schieben uns den Gewinn hinein. Herbert, bis zum Hals.

HERBERT Hoffentlich.

SOLLMANN Garantiert.

HERBERT Zwölf Prozent.

SOLLMANN Zwölf Prozent.

HERBERT Ist es jetzt voll?

SOLLMANN Wir haben jetzt über zweihundert. Alle Verträge bereits abgeschlossen. Fast nur Kategorie A. Höchstmietzins. Bei manchen sind wir etwas entgegengekommen. Als Starthilfe sozusagen. Aber das schmerzt uns nicht. Das holen wir uns im nächsten Jahr wieder zurück. Zweihundert Geschäfte. Vom Luxus bis zum Müll. In jeder Größe. Wir decken alles ab. Lebensmittel vom Dreck bis zum Delikatessengeschäft. Kleidung, Unterhaltungssektor, Sport, Reisebüros. Für jede Einkommensschicht. Buchhandlungen, Fitness, Esoterik, Nagelstudios. Eine ganze Stadt.

HERBERT Und die Restaurants und Caffés? Wieviel holst du dort?

SOLLMANN Quadratmeterpreis nach Umsatzschätzung. Restaurants und Caffés sind unsere Schlagader. Sie pumpen die Energie in das System. Wir haben sie in jeder Nationalität. Im Ganzen locker verteilt. Damit es organisch wirkt. Abwechslung. Überraschung. Vielfalt. Aber nirgendwo Löcher. Wer Hunger verspürt, wird auf der Stelle bedient. Bedürfnisbefriedigung im Moment des Bedürfnisses. Siebzigtausend Quadratmeter Genußlandschaft.

HERBERT Hast du genügend Italiener und Franzosen?

SOLLMANN Genügend. Essen ist Urlaub. Essen ist Wiedererkennen. Man betritt Frankreich, man besucht Italien, man reist nach Spanien. Perfektes Ambiente. Darauf haben wir größten Wert gelegt. Stimmigkeit. Rundum. Und dann die chinesische, japanische und koreanische Küche. Dazu ein Mexikaner. Und ein Brasilianer. Wer sich den Urlaub dort nicht leisten kann, der findet ihn bei uns.

HERBERT Und die Pommes frites?

SOLLMANN Standortqualität eins.

HERBERT Mitten drin?

SOLLMANN Das Nervenzentrum.

HERBERT Siebzigtausend Quadratmeter, Gerhard. Das ist fast wie ein Kontinent.

SOLLMANN Ein Erlebniskontinent. Im Zentrum wird das Leben wieder zum Erlebnis. Wir setzen auf die Wohlfühlfaktoren. Wir drängen uns nicht auf, wir verführen nicht. Die Zeit der Verführung ist vorbei. Keine Taktik, kein doppelter Boden. Was zählt, ist die Ehrlichkeit. Die absolute Ehrlichkeit. Wir schaffen Wohlgefühle. Vom ersten Moment an. Sobald man das Zentrum betritt.

HERBERT Und die Parkplätze?

SOLLMANN Parkhäuser mit jeweils sieben Decks. Perfektes Orientierungssystem. Neue Piktogramme. Haben wir in Auftrag gegeben. Du findest dich wie im Schlaf zurecht.

HERBERT Gratis?

SOLLMANN Nur am Anfang. Später gibt es Monats- und Jahreskarten. Am Anfang gratis. So lange, bis sie warm sind.

HERBERT Ich hoffe, sie werden warm.

SOLLMANN Das werden sie, Herbert.

HERBERT Und ich hoffe, sie kommen.

SOLLMANN Sie kommen. Sechzigtausend täglich. Mindestens.

HERBERT Die uns eine Milliarde Jahresumsatz bringen müssen.

SOLLMANN Wir rechnen mit den Familien. Selbstverständlich jeder Einkommensklasse. Die Familien bringen uns am meisten. Dann die Individualisten. Hausfrauen am Vormittag, Jugendliche am Nachmittag. Aber wir denken auch an Busse. Organisiert. Erlebnisfahrten unter der Woche. Hier vor allem Pensionisten. Nicht nur aus der näheren Umgebung. Wir umwerben alle. Wir kümmern uns um jeden. Und alle werden kommen. Und weiß du, warum? Sie kommen, weil ihnen etwas fehlt. Weil ihnen allen etwas fehlt. Aber das ist nicht etwas, was man kaufen könnte. Und es ist nicht etwas, was wir verkaufen könnten. Sie kommen, weil sie sich sehnen. Sie kommen nicht nur wegen der phantastischen Architektur oder der besonderen Sonderangebote. Sie kommen nicht nur, um ihr Klopapier und ihre Socken zu kaufen. Sie kommen nicht nur, um unser Coca-Cola zu trinken oder den Dreck aus der Fritteuse zu fressen. Sie kommen mit einem leeren Herz und sehnen sich nach Liebe. Und wir füllen ihnen das Herz. Das ist die Philosophie des Zentrums. Das ist mehr als bloße Unternehmensphilosophie. Das ist die Güte. Wir lieben sie. Wir schenken ihnen Liebe. Wir lieben sie, wie sie noch niemals geliebt worden sind. Und wir lieben sie, weil sie sonst niemand liebt. Nur wer wirklich geliebt wird, kauft. Aber dann kaufen sie tatsächlich. Und sie werden uns noch die Scheiße aus dem Hintern kaufen.

HERBERT Ich hätte nichts dagegen.

SOLLMANN Sechzigtausend. Jeden Tag. Von acht bis zweiundzwanzig Uhr. Sechzigtausend hungrige Kinder. Und wir füttern sie glücklich. Ein Einkaufszentrum aus tausendundeiner Nacht. Wo es früher nur ein Loch gegeben hat. Hundert Hektar Brachland. Und jetzt? Jetzt steht dort die Zukunft. Wir haben die Zukunft hingestellt. Siebzigtausend Quadratmeter Zukunft. Und eine Zukunft, in der man sich wohlfühlen kann. Jetzt brauchen sie nur mehr zu kommen. Und einzutreten. Jetzt kann jeder die neue Zukunft genießen. Und dann die Arbeitsplätze. Fünftausendfünfhundertzweiundneunzig. Makellose Arbeitsplätze. Aus dem Nichts. Wer kann das noch? Herbert, wer schafft das heute noch? Arbeitsplätze wie Adam und Eva. Wer kann das noch?

HERBERT Die ganze Stadt wird kommen, um sich zu bedanken. Du wirst ein großes Arschloch brauchen.

SOLLMANN Ich habe Platz für alle, die das Zentrum lieben.

HERBERT Zwölf Prozent.

SOLLMANN Zwölf Prozent.

HERBERT Vergiß das nicht.

SOLLMANN Garantiert. Zwölf Prozent.

2

ERIKA Ich denke also, soll ich jetzt in meine, oder soll ich zuerst in Sonjas. Ich habe ja den Schlüssel. Ich könnte ihr gleich alles hineinstellen. Milch undsoweiter gleich in den Kühlschrank. Warum nicht? Brauche ich später nicht mehr daran zu denken. Und wenn sie nach Hause kommt, sie sieht sofort, daß ich ihr alles mitgebracht habe. Sonja sagt, wir sind eine kleine Symbiose. Sie schreibt es auf einen Zettel. In Ordnung. Ich bringe es ihr mit. Ich hole es für sie. Warum denn nicht? Es macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Ich habe ja Zeit wie ein Ozean. Ich meine, ich bin froh. Was soll ich denn sonst den ganzen Tag über? Ich suche also nach dem Schlüssel. Ich denke noch, einen Nobelpreis für denjenigen, der mir erklären kann, warum Schlüssel niemals dort sind, wo man nach ihnen sucht. Natürlich nicht in meiner Tasche. Oder doch vielleicht? Also alles nochmals von vorn. In dem Augenblick ruft jemand von unten. Ich meine, ruft Hallo. Es klingt jedenfalls wie Hallo. Gilt das mir? Ich beuge mich über das Geländer. Der vom ersten Stock. Keine Ahnung, wie der heißt. Wohnt noch nicht sehr lange hier. Außerdem muß ich mir nicht alle Namen merken. Tagsüber zu Hause. Hat der keine Arbeit? Steht und streckt seinen Arm nach oben. Was hält der da in der Hand? Wie soll ich das von hier oben aus erkennen? Und da kommt er schon die Stufen herauf. Aber langsam. Läßt sich unendlich viel Zeit. Das macht mich schon aggressiv. Und als er dann vor mir steht, also noch zwei Stufen unter mir, streckt er mir die Hand entgegen. Mit einer Packung Butter. In der anderen Hand hält er einen Joghurtbecher und eine Tafel Schokolade. Eine dieser schmalen, länglichen Tafeln. Sonjas Lieblingsschokolade. Gut, muß mir eben herausgefallen sein. Vielleicht hat der Sack irgendwo ein Loch. Ist das vielleicht etwas Außergewöhnliches? Grüßen, denke ich mir. Wir haben uns gar nicht gegrüßt. Und er hält mir die Butter genau vors Gesicht. Ja, danke, denke ich. Ja, danke. Aber er hält mir die Butter stur vors Gesicht. Und sagt kein einziges Wort. Das gibt es doch nicht. Vielleicht kann der gar nicht sprechen. Tagsüber zu Hause. Arbeitslos. Und stumm. Was soll ich jetzt mit der Butter? Soll ich vielleicht daran riechen? Steht vor mir wie die Freiheitsstatue. Und ich fühle mich wie gelähmt. Einfach unfähig ihm die Butter aus der Hand zu nehmen. Ich weiß nicht, wie lange wir so stehen. Plötzlich öffnet er den Mund. Plötzlich. Als würde in einem Stummfilm plötzlich jemand zu sprechen beginnen. Und sagt dann einfach nur, die Butter. Und in genau diesem Moment denke ich, soll ich mir die Butter jetzt zwischen die Schenkel stecken? Soll ich ihm die Butter aus der Hand nehmen und dann Rock hoch und ohne ein Wort? Hier im Treppenhaus? Ohne lange darüber nachzudenken? Ich weiß, was in Treppenhäusern alles gemacht wird. Ich kann mir vorstellen, was in Treppenhäusern alles passiert. Also Rock hoch? Niemand auf dem ganzen Stock zu Hause. Sieht uns niemand. Nimm mich. Mit der Hand. Mit der Butter. Habe ich mir schon tausend Mal gedacht. Also nimm jetzt seine Hand. Sagt ohnehin nichts. Gottseidank. Hält den Mund. Nimm mich jetzt. Du arbeitsloses Schwein. Tagsüber zu Hause. Du faules Schwein. Hier bin ich. Stopf mich zu. Stopf mich endlich einmal zu. Ich mache es. Im Stehen. Oder ich lege mich hin. Ist mir vollkommen egal. Nimm endlich seine Hand. Stopf dich zu. Stopf dich glücklich. Und jetzt dreht er sich plötzlich um. Drückt mir die Butter in die Hand. Wie ein Abschiedsgeschenk. Stellt den Joghurtbecher auf den Boden, legt die Schokolade darauf. Und geht wieder hinunter. Und einfach nichts. Und ich stehe noch genauso da. Ich stehe im Regen. Ich stehe bis über den Kopf im Regen. Am liebsten wäre ich ihm nach. Am liebsten wäre ich die Stufen hinunter und hätte ihm auf den Kopf geschlagen. Am liebsten hätte ich auf ihn eingeschlagen. So lange, bis. So ein nutzloses Schwein. Keine Arbeit, aber Grüßen kommt nicht in Frage. Keine Arbeit, aber anderen die Butter nachtragen. Was soll das für ein Leben sein? Ich suche nach dem Schlüssel. Selbstverständlich ist er dort, wo er immer ist. Bei Sonja setze ich mich hin. Ob ich nun bei mir oder bei Sonja sitze. Ich lege ihr das Restgeld auf den Tisch. Damit ich es nicht vergesse. Und was in den Kühlschrank gehört, in den Kühlschrank. Herrliche Ruhe. Ich denke mir, ich könnte mich duschen. Ich könnte mich jetzt zum Beispiel duschen. Warum denn nicht? Wasser ist immer noch billig. Immer noch etwas vom Billigsten. Man kann sich sogar drei Mal am Tag duschen. Beim Duschen vergeht die Zeit am schnellsten.

3

In Sollmanns Büro.

SUSANNE Und jetzt, Gerhard? Wieviel Dankbarkeit schulde ich dir?

SOLLMANN Gefällt er dir?

SUSANNE Besser als der alte.

SOLLMANN Selbstverständlich. Das kannst du doch nicht vergleichen.

SUSANNE Warum nicht?

SOLLMANN Das habe ich ja auch erwartet.

SUSANNE Sonst hättest du ihn nicht gekauft?

SOLLMANN Also gefällt er dir?

SUSANNE Wofür habe ich ihn bekommen?

SOLLMANN Für deine Einkäufe. Für deine Vormittage. Für nichts. Zum Spaß.

SUSANNE Gut. Ich habe Spaß damit.

SOLLMANN Ultimative Ausgewogenheit von Geländegängigkeit und Straßenkomfort. Maximale Bedienungsfreundlichkeit. Kombiniert mit größtmöglichem Komfort im Inneren. Das Fahren wird zu einem einzigen Fahrvergnügen. Du hast jetzt etwas ganz Besonderes. Allradgetriebe. Und dazu das Allerbeste. Verstellbare Stoßdämpfer. Hybrides Sperrdifferential. Ein 3.5-Liter V6 24-Ventil Motor. Auf dem allerneuesten Stand der Fahrzeugtechnik. Hast du schon die Klimaanlage ausprobiert?

SUSANNE Er ist zu hoch.

SOLLMANN Es ist ein Geländewagen.

SUSANNE Er ist zu hoch.

SOLLMANN Das heißt hohe Bodenfreiheit. Und ist ein Qualitätsplus. Und dann die totale Fahrzeugsicherheit. Antiblockierbremsen. Asphärische Außenspiegel. Superstarker Leiterrahmen. Impaktabsorbierende Knautschzonen. Alles oberste Sicherheitsklasse. Ich habe die Testurteile gelesen. Ich habe mich informiert. Und dazu elektrische Fensterheber. Wenn ich mich richtig erinnere, sogar mit Einklemmschutz. Zentralverriegelung. Ausziehbare Sonnenblenden. Beheizbare Vordersitze. Und das Holzdekor zum Beispiel?

SUSANNE Gerhard, ich möchte nicht so hoch sitzen, daß ich den Vögeln die Hand geben kann. Ich fühle mich in diesem Auto einfach nicht wohl.

SOLLMANN Weil du Vorurteile hast.

SUSANNE Ich verspüre kein besonderes Fahrvergnügen. Es tut mir furchtbar leid, daß ich dir das sagen muß.

SOLLMANN Und diese Wolkenstimmung? Wie in einer Limousine. Hundertvierundneunzig PS.

SUSANNE Wofür hast du ihn gekauft?

SOLLMANN Für dich.

SUSANNE Aus welchem Grund?

SOLLMANN Weil wir verheiratet sind.

SUSANNE Warum hast du mich nicht vorher gefragt?

SOLLMANN Es ist eine Überraschung.

SUSANNE Aus Spontanität?

SOLLMANN Ja.

SUSANNE Seit wann bist du spontan?

SOLLMANN Gewöhne dich einfach an ihn. Wie man sich an alles gewöhnt.

SUSANNE Und wenn ich damit einen Unfall habe?

SOLLMANN Dann passiert dir wenigstens nichts. Sicherheitsklasse A.

SUSANNE Und wenn ich aus dem phänomenalen Auto ein phänomenales Autowrack mache?

SOLLMANN Habe ich dir doch gesagt. Airbags und Seitenaufprallschutz.

SUSANNE Und wenn ich jemanden überfahre? Wenn ich jemanden damit zerquetsche?

SOLLMANN Das könnte dir auch mit einem anderen passieren.

SUSANNE Ich sage, du hast ihn gekauft. Du hast ihn mir geschenkt. Ich wollte ihn nie. Man kann nicht von mir erwarten, daß ich mit so einem Monster umgehen kann.

SOLLMANN Er ist vollkommen leicht zu beherrschen. Er ist kein Monster sondern ein Lamm.

SUSANNE Ich bringe aber jemanden damit um.

SOLLMANN Das hast du früher nicht getan. Das wirst du auch in Zukunft nicht tun.

SUSANNE Und wenn doch?

SOLLMANN Susanne.

SUSANNE Was ist, wenn doch?

SOLLMANN Ich vertraue dir.

SUSANNE Ich überfahre ein Kind. Ich rase in eine Schulklasse. Den Erstbesten auf dem Zebrastreifen spieße ich auf.

SOLLMANN Es ist die Farbe. Habe ich recht? Alamoana Grün. Die Farbe gefällt dir nicht. Aber ich tausche ihn nicht mehr um.

SUSANNE Du hast recht, die Farbe gefällt mir nicht.

SOLLMANN Nächstes Jahr. Versprochen. Und du suchst dir die Farbe aus. Wir tauschen ihn dann gegen das neueste Modell.

SUSANNE Ich glaube, ich werde damit jemanden umbringen. Ich weiß, daß es geschehen wird. Ganz einfach. Weil ich mich nicht wohl fühle darin. Soll ich dir jetzt trotzdem dankbar sein?

SOLLMANN Sei einfach dankbar.

SUSANNE Für heute abend. Ich habe nichts eingekauft. Für unsere Gäste. Wir werden heute ausnahmsweise keine Gäste haben. Gerhard, ich habe keine Lust. Geh mit ihnen ins Restaurant. Sag, ich habe einen Unfall gehabt mit dem neuen Geländewagen. Sag, ich habe nicht in den Rückspiegel gesehen. Sag, ich lasse mich entschuldigen. Ich liege im Krankenhaus. Ich möchte keine Besuche. Du weißt nicht einmal meine Adresse. Es ist irgendwo im Ausland passiert. Ich habe heute abend wirklich keine Lust.

4

In Sonjas Wohnung. Eine Ein-Zimmer-Wohnung, in der ein Bett, eine Duschkabine, ein Bücherregal, eine Waschmaschine, ein Kühlschrank, ein Geschirrspülbecken usw. Platz finden müssen. Dazu ein Tisch mit zwei Stühlen.

ERIKA Ich habe die Waschmaschine.

SONJA Weiß?

ERIKA Weiß.

SONJA Die Bettwäsche?

ERIKA Auch die Bettwäsche.

SONJA Du bist ein.

ERIKA Und die Geschirrtücher. Und die Handtücher. Und die Unterwäsche.

SONJA Die Unterwäsche?

ERIKA Warum sollte Unterwäsche nicht schmutzig werden?

SONJA Du bist ein.

ERIKA Ich bin deine Beste, oder?

SONJA Ich hätte bestimmt wieder darauf vergessen.

ERIKA Da ist doch überhaupt nichts dabei.

SONJA Ich weiß nicht, warum ich nicht daran denke. Ich sehe einfach durch die Waschmaschine hindurch. Ich sehe dort einfach nur Luft.

ERIKA Bei mir geht das ganz automatisch. Da denken die Hände für mich. Liegt irgendwo ein schmutziges Kleidungsstück, schon greife ich danach. Ich kann gar nicht anders. Und Tür auf und alles in die Maschine. Und dann setze ich mich hin und höre zu. Ich höre ihr zu. Ich könnte ihr stundenlang nur zuhören.

SONJA Aber der Kühlschrank, Erika.

ERIKA Ich habe nur ausnahmsweise.

SONJA Den Kühlschrank bezahle ich.

ERIKA Nur so lange, bis.

SONJA Nur so lange.

ERIKA Und nicht länger.

SONJA So lange, bis.

ERIKA Ich falle dir zu Last.

SONJA Blödsinn.

ERIKA Ich bin eine Last.

SONJA Nein.

ERIKA Eine Last, die im besten Fall geduldet wird.

SONJA Dann dulde ich dich. Ich dulde, daß du die Wäsche wäscht und alles. Dafür duldest du, daß ich bezahle, was in den Kühlschrank kommt. Wir dulden uns. Wir dulden uns gegenseitig.

ERIKA Es beginnt schon am Morgen. In den Beinen. Es steigt von unten nach oben. Am Morgen erwachen diese kleinen Bestien und machen sich auf den Weg. Sie klettern an dir hinauf. Und mittags haben sie dich dann bezwungen. Man ist machtlos. Jeden Tag besiegen sie dich. Jeden Tag hat man den Kampf verloren. Man ist einfach machtlos gegen den Hunger.

SONJA Warum wehrst du dich denn dagegen?

ERIKA Und das schlechte Gewissen?

SONJA Denk nicht daran.

ERIKA Das denkt ganz von selbst.

SONJA Denk einfach, daß es dir schmeckt.

ERIKA Ich weiß nicht einmal, ob es mir schmeckt. Ich esse dann so schnell, daß die Geschmacksnerven gar nichts davon merken. Ich habe schon hinuntergeschluckt, bevor die Geschmacksnerven noch richtig munter werden.

SONJA In Zukunft.

ERIKA Kann ich nicht.

SONJA Ohne schlechtes Gewissen.

ERIKA Und wer soll den ganzen Hunger bezahlen? Zuerst kommt der Hunger. Man kämpft dagegen an. Man kämpft mit allen Mitteln. Aber irgendwann muß man sich doch geschlagen geben. Und wenn man dann am Boden liegt, dann kommen die Schuldgefühle. Und die Schuldgefühle erledigen den Rest. Die Schuldgefühle prügeln auf dich ein. Bis du so klein geworden bist wie ein Olivenkern.

SONJA Ich glaube an die Gerechtigkeit.

ERIKA Ich nicht.

SONJA Erika, ganz bestimmt.

ERIKA Ganz bestimmt nicht.

SONJA Es gibt Gerechtigkeit.

ERIKA Für alle?

SONJA Für alle.

ERIKA Ich denke mir, es gibt nicht genug davon. Gerechtigkeit wird nicht in ausreichendem Maß produziert. Oder manche stecken sich zuviel davon ein. Stecken sich einfach die ganze Gerechtigkeit in die eigene Tasche. Die Gerechtigkeit verschwindet in irgendwelchen dunklen Kanälen. Oder vielleicht exportieren sie auch die Gerechtigkeit. Für mich hat jedenfalls niemand etwas davon auf die Seite gelegt.

SONJA Man muß nur darauf warten können.

ERIKA Und wie lange noch?

SONJA Arbeitsplätze sind eben Mangelware.

ERIKA Im Supermarkt mangelt es an nichts. Aber, glaubst du, sie würden dort einmal ein Plakat aufhängen mit der Aufschrift, Arbeitsplätze heute ganz frisch eingetroffen? Nein, das würden sie nicht. Ich weiß nicht, wo sie ihre Arbeitsplätze verstecken. Im Regal findet man jedenfalls keine.

SONJA Man muß sich gedulden können. Irgendwann kommt die Gerechtigkeit. Mit einem Mal. Wenn man die Hoffnung schon fast aufgegeben hat. Irgendwann kommt ein Arbeitsplatz. Ein Arbeitsplatz wie im Märchen. Ganz alleine für dich.

ERIKA Und wenn ich vorher sterbe?

SONJA Blödsinn.

ERIKA Und wenn ich vorher Selbstmord begehe? Die Toten brauchen keine Arbeitsplätze mehr. Die Toten haben ihren Tod. Und die Arbeitslosen? Was haben die Arbeitslosen? Die Arbeitslosen haben nichts. Die Arbeitslosen liegen in der Tiefkühltruhe. Tiefgefroren vor Ungerechtigkeit. Die Arbeitslosen sind lebendig begraben. Eigentlich sind sie tot. Eigentlich sind sie vollkommen tot, aber trotzdem haben sie Hunger. Von den wirklich Toten unterscheiden sich die Arbeitslosen nur dadurch, daß ihnen andauernd der Magen knurrt. Die Arbeitslosen sind allen unangenehm. Weil sie nicht so still sind wie die Toten. Aber niemand möchte die Arbeitslosen zum wirklichen Leben erwecken. Höchstens schiebt man ihnen einmal im Monat ein bißchen Arbeitslosengeld in den Mund. Auf dem sie dann die nächsten Wochen kauen sollen. Vielleicht denkt man, die Arbeitslosen fühlen sich in ihrer Arbeitslosigkeit ohnehin ganz wohl. Ich fühle mich nicht wohl. Wenn mich jemand fragt, sage ich, ich fühle mich nicht wohl. Tut mir leid. Wenn man von mir deshalb Schuldgefühle verlangt. Mit Schuldgefühlen kann ich dienen. Aber es tut mir leid. Ich fühle mich nicht wohl. Außerdem hätte ich gerne ein kleines, zwischenmenschliches Glück. Aber das steht den Arbeitslosen wahrscheinlich nicht zu. Wer möchte schon mit einer Arbeitslosen ins Bett. Die Arbeitslosigkeit ist wahrscheinlich nicht besonders erotisch. Dabei hat man doch genauso viel zu geben wie die anderen. Vielleicht sogar noch mehr. Aber wer läßt sich schon auf dieses Risiko ein. Niemand hat ein Herz für die Arbeitslosen. Dabei haben die Arbeitslosen ein Herz wie die anderen.

SONJA Erika, ich glaube an die Gerechtigkeit.

ERIKA Und von wo soll diese Gerechtigkeit plötzlich herkommen? Gerechtigkeit fällt nicht vom Himmel. Schon lange nicht mehr.

SONJA Wer sich selbst aufgibt, gibt auch seine Zukunft auf. Wer sich selbst aufgibt, gibt auch seinen zukünftigen Arbeitsplatz auf.

ERIKA Warst du heute wieder auf der Universität?

SONJA Ich habe zwei Vorlesungen gehabt.

ERIKA Ich bewundere dich.

SONJA Wegen dem Studium?

ERIKA Wegen der Kunden.

SONJA Ich habe nur gelernt, unternehmerisch zu denken. Ich habe gelernt, flexibel zu sein.

ERIKA Du hast dir eben deine Gerechtigkeit geholt.

SONJA Die Miete wird nicht vom reinen Gewissen bezahlt. Und die Zukunft streckt einem auch nichts vor. Und für alles gibt es eine Gebrauchsanweisung. Wenn man die Gebrauchsanweisung studiert hat, kommt man mit jedem Fall zurecht.

ERIKA Hast du heute schon so einen Fall gehabt?

SONJA Noch nicht. Aber ich habe noch einen Termin.

ERIKA Ich bewundere dich.